Eine prägende Begegnungsgeschichte

„Mir wird klar, dass es nicht genügt, den Namen eines Menschen zu kennen. Man muss wissen, wer er ist.“ (S. 356)

Nur ein TagAllysons Leben ist genau wie ihr Koffer – überlegt, geplant und ordentlich gepackt. Doch am letzten Tag ihrer dreiwöchigen Europatour lernt sie Willem kennen. Sofort knistert es zwischen ihnen.
Als freier, ungebundener Schauspieler ist Willem all das, was die 18 – jährige Allyson nicht ist, und als er vorschlägt, mit ihr nach Paris zu kommen, trifft sie spontan eine für sie untypische Entscheidung. Sie änder ihren Plan und fährt mit ihm.
Nach nur einem gemeinsamen Tag wird aus dem Knistern ein Brennen… bis Allyson am nächsten Morgen aufwacht und feststellen muss, dass Willem nicht mehr da ist.

Ich muss gestehen Nur ein Tag war für mich die reinste Achterbahnfahrt. Mit Höhen und Tiefen und einer abschließenden Auslaufstrecke, bis die Bahn schließlich zum Stillstand kommt und die Fahrt vorüber ist…

Ich habe bei diesem Buch mit einer schönen, lockeren und humorvollen Liebesgeschichte gerechnet, die mich gleichzeitig nach Paris entführt.
Doch bei diesem Roman von Gayle Forman handelt es sich keineswegs um eine klassische Liebesgeschichte, sondern die Geschichte ist wohl eher als eine prägende Begegnungsgeschichte von zwei Menschen zu verstehen, die sich näher kommen und durch die gemeinsame Erfahrung an diesem einen Tag letztlich reifen.

Das Buch ist in zwei Teile gesplittet.
Während der erste Teil von Allysons Europareise erzählt und dem besonderen Tag in Paris, kämpft sie im zweiten Teil mit ihren Erinnerungen an diesen Tag und versucht für sich selbst die Frage nach dem ‚wie man ist‘ zu beantworten. Wer will sie sein? Wie will sie sein?

Erzählt wird Nur ein Tag daher aus der Perspektive von Allyson. Sie ist noch jung und hat ihr Leben noch vor sich. Ihre Eltern haben ihr zu ihrem erfolgreich absolvierten Highschoolabschluss eine Europareise geschenkt.
Als die Geschichte ihren Anfang findet, hat sie bereits alle großen Städte des Kontinents besucht, bis auf Paris.
In England trifft sie auf den ungebundenen Schauspieler Willem, der ihr am Bahnhof von London das Angebot macht, mit ihr zusammen nach Paris zu fahren. Nur für einen Tag. Nur für wenige Stunden.
Obwohl es gar nicht ihre Art ist, spontane Entscheidungen zu treffen, stimmt sie seinem Angebot zu…

Anders als von mir erwartet, nimmt dieser gemeinsame Tag in Paris nur einen Bruchteil der Handlung ein. Stattdessen trennen sich die Wege der beiden und was bleibt ist eine lebendige Erinnerung. Eine Erinnerung, die Allyson täglich verfolgt und sie nicht mehr loslässt. Letztlich führt dieser eine Tag dazu, dass sie erwachsen wird.

Sie ist ein Mädchen, dass das Gefühl hat nicht sie selbst zu sein und wie eine Schauspielerin eine Rolle spielt, nur um dem Idealbild ihrer Eltern zu entsprechen. Sie folgt den Handlungen, die andere von ihr erwarten.
Da es sich hierbei um einen Jugendroman handelt, wird hier eine Frage behandelt, die sich die besagte Zielgruppe sicherlich bereits schon einmal gestellt hat oder sogar noch aktuell ist. Auch ich konnte mich an dieser Stelle gut in Allysons Lage hineinversetzen. Irgendwann gelangt man an den Punkt, wo man sich fragt: ‚Wer möchte ich sein?‘
Dennoch erschien mir Allyson an sehr vielen Stellen unzugänglich und anstrengend. Gerade zu Anfang fehlte mir bei ihr die Lebensfreude, eigene Interessen und das Gefühl von Leichtigkeit. Stattdessen ist ihr Charakter steif und findet zeitweise sogar den Weg in eine leicht depressive Phase.

Willem ist das genaue Gegenteil. Er ist ein Freigeist, genießt das Leben und steckt voller Geheimnisse. Und dennoch vertraut Allyson ihm vom ersten Moment an.
Bei mir hat Willem ein Gefühlschaos hinterlassen. Ich wusste nicht so recht, was ich von ihm halten soll, weil sein Charakter unnahbar erscheint. Ich konnte ihm nicht wirklich Sympathie oder Vertrauen schenken. Und plötzlich ist er in der Handlung verschwunden und auch für den Leser nur noch eine blasse Erinnerung. Was bleibt sind viele Fragen…

Nur ein Tag hat mich unterhalten, aber nicht wirklich überrascht. Was hier erzählt wird ist die Entwicklung einer Protagonistin, ausgelöst durch die Begegnung mit einem Fremden. Erst durch Willem lernt sie eine andere Seite an sich kennen. Doch es ist nicht leicht diese Seite festzuhalten, wenn die Personen in deinem Umfeld andere Erwartungen an dich haben. Sie lernt von Tag zu Tag mehr von sich kennen und dieses Ich durchzusetzen.
Die Entwicklungsgeschichte, die hier erzählt wird ist durchaus gelungen und nachvollziehbar. Dennoch hat sie ihre Längen und das spürt man durchaus beim lesen dieses Romans.

Interessant ist, wie die Autorin hier bekannte Stücke von Shakespeare einwebt.
So stellt sich Allyson zu Beginn die Frage, ob Hamlet seine Frage nach dem ‚Sein oder Nichtsein‘ nicht falsch formuliert hat. Müsste die Frage nicht lauten ‚wie man ist?‘
Immer wieder taucht Shakespeare in der Handlung auf, ob in Form einer Aufführung oder der Inhalt eines Seminars. Dieser Einfluss hat mir sehr gut gefallen. Man bekommt regelrecht Lust darauf nochmals ein Stück von Shakespeare in einem Theater zu besuchen oder einfach nur zu lesen. Wobei ich sagen muss, dass es durchaus von Vorteil ist, wenn man einige Stücke von ihm kennt. Ich bin bei so manchem Gedankengang von Allyson durcheinander gekommen, weil sie über den Handlungsverlauf eines Stückes spricht und mir die Figuren teilweise noch unbekannt waren. Aber dennoch war dieser Einfluss durchaus spannend!

Leider fehlte es mir manchmal an Humor und demzufolge an witzigen Momenten. Dies hätte mir sicherlich auch die Protagonistin in einigen Situationen weniger traurig und müde erscheinen lassen.
Nur ein Tag hat poetische und tiefe Momente, wo man zum nachdenken angeregt wird.
Gleichzeitig wirken einige Situationen jedoch auch übertrieben und weniger nachvollziehbar oder realitätsnah. Manche Situation werden wie aus dem nicht heraufbeschworen und wirken daher künstlich erzeugt.
Zudem hat mich der Schreibstil (was durchaus an der Übersetzung liegen mag) an einigen Stellen irritiert. So wirken manche Dialoge und daraus resultierende Handlungen einfach merkwürdig. So heißt es u.a. an einer Stelle die Protagonisten haben sich ‚vor lachen gebogen‘, dabei war die Szene nicht wirklich humorvoll… An anderen Stellen wird die Handlung zu sehr dramatisiert. Einige Erzählmomente waren für mich daher weniger vorstellbar…

Zusammenfassend kann ich jedoch sagen, dass Nur ein Tag mich sehr gut unterhalten hat, auch wenn ich eine etwas andere Geschichte erwartet habe.
Doch die Entwicklung der Protagonisten war interessant zu verfolgen, wenn auch manchmal langatmig.
Natürlich möchte ich nicht zu viel Vorweg nehmen, aber insbesondere auf den letzten Seiten konnte ich den Schluss nicht mehr erwarten und wer viel Wert auf ein ausformuliertes Ende legt, der sollte lieber die Finger von diesem Jugendroman lassen.
Allen anderen Lesern wünsche ich jedoch viele schöne Momente mit Allyson und ihrer Geschichte des Erwachsenwerdens.

Von mir gibt es 3 Papierblumen.

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