Die Liebe einer Mutter

Erst wenn du tot bistFanny Wolff, Kriegsreporterin, bricht alle Zelte in Berlin ab und kehrt in ihre Heimat Stralsund zurück, um ihre Panikattacken und ihr aus dem Ruder gelaufenes Leben wieder in den Griff zu kriegen. In Stralsund heuert sie bei der Lokalzeitung an und plant ihr neues Leben. Doch auf ihrer täglichen Jogging-Runde passiert das Unfassbare: Fanny entdeckt die Leiche der jungen Melanie. Mit viel Leidenschaft versucht sie nun, dem Hintergrund der Tat und dem Mörder auf die Spur zu kommen. Dabei erweist es sich als überaus hilfreich, dass ausgerechnet ihr Zwillingsbruder der ermittelnde Hauptkommissar ist. Werden die beiden Geschwister den Fall lösen?

„Erst wenn du tot bist“ ist ein gelungenes Debüt, das eine seichte, angenehme Lektüre verspricht. Viele aktuelle Themen werden angesprochen, aber nicht immer sehr tiefgründig behandelt.

„Wieso hatte die Flüchtlingswelle die Deutschen überhaupt so überrascht? Hatte man denn ehrlich gedacht, dass die halbe Welt brennen konnte, und in Deutschland würde man sich wie auf einer sicheren Insel abschotten können?“ (S.188)

Oberflächlich werden die Flüchtlingsdebatte und auch der Missbrauchsskandal in Pflegeheimen thematisiert. Allerdings bleiben vor allem in Punkto Missbrauch viele Fragen offen: Wie geht es mit Hans Lebeck weiter? Wird er wegen Kindesmissbrauchs verurteilt oder nicht? Was passiert mit jenem Kinderheim? Leider wird diese Idee im Buch nicht bis zu Ende gedacht und so fehlen dem Leser wichtige Antworten.

Das Buch liefert allerdings einen guten Einblick in die sozialen Unterschiede in der heutigen Gesellschaft. Auf der einen Seite steht Familie Winkler: sehr wohlhabend, gute Schulbildung und ein gut geregeltes Leben. Sie fristen ihr Dasein auf der Sonnenseite des Lebens. Auf der anderen Seite steht Melanie: eine junge, überforderte, dreifache Mutter, drogenabhängig und nicht in der Lage, sich um ihr Leben und ihre Kinder zu kümmern. Als Kind vernachlässigt und missbraucht, hatte Melanie kaum die Möglichkeit zum sozialen Aufstieg sondern führte ein Leben dicht an der Armutsgrenze und litt außerdem an der Borderline-Störung. Die Schilderung ihres Alltags und ihrer Wohnsituation hat mich sehr nachdenklich gestimmt.

„War es zu fassen, dass Menschen in Deutschland unter solchen Bedingungen leben mussten?“ (S.96)

Die Hauptperson, Fanny Wolff, ist eine überaus sympathische Journalistin, die berufsbedingt an ihre Grenzen gestoßen ist und nun die Notbremse gezogen hat. Die Rückblicke in ihren Kriegsreporter-Alltag sind sehr angsteinflößend und geben ein realistisches Bild der Gefahr wieder, in der Fanny sich täglich befand.

„Umgebracht in einer nicht enden wollenden Spirale aus Rache. Schiiten. Sunniten. Völlig egal, denn als Tote hatten sie eh keine Religion mehr.“ (S.115)

Kein Wunder, dass sie nun kurz vor dem seelischen Kollaps steht. In Stralsund will sie neu anfangen und den Ballast vergangener Tage abwerfen.

„Sie sehnte sich nach Freiheit. Der Freiheit, nicht alles wissen zu müssen. Sie wollte nicht über der Angst, eine Chance nicht zu nutzen oder ein Detail der Geschichte nicht zu kennen, ihr Leben verpassen“ (S.8)

Interessant fand ich das Gespräch zwischen Fanny und Sokratis über die Rolle der Medien. Fanny versucht ihrem jungen Kollegen den schmalen Grad zwischen Objektivität und Manipulation aufzuzeigen.

„Aber als Journalistin ist es nicht meine Aufgabe, Gehirne zu waschen.“ (S.123)

Sie ruft dazu auf, die Leser sachlich zu informieren und so dafür zu sorgen, dass jeder sich seine eigene, durchdachte Meinung bildet. Leider habe ich die Befürchtung, dass heutzutage viele Dummheiten und Beleidigungen einfach nur nachgeplappert werden und verschiedene Menschen (leider häufig jene, die in den sozialen Medien am lautesten schreien) nicht fähig sind sich eine objektive, menschliche Meinung zu bilden.

Etwas traurig fand ich den Umgang mit Justin. Während Melanies Tochter ein Dreh- und Angelpunkt in der Geschichte wird, wird Justin zu einer Randfigur degradiert und quasi überhaupt nicht erwähnt. Das fand ich sehr schade. Umso mehr hat es mich erstaunt, dass ausgerechnet Fanny zum Schluss seine Pflegschaft beantragt. Dabei hat sie noch kein einziges Wort mit dem Jungen gewechselt, geschweige denn eine Bindung zu ihm aufgebaut. Außerdem ist Fanny nun nicht gerade die ideale Bezugsperson für ein mehr oder weniger traumatisiertes Kind. Schließlich kämpft sie auch noch gegen die Dämonen ihrer Vergangenheit.

Insgesamt hat mir dieser Krimi sehr gut gefallen und ich werde sicherlich auch bei Fannys nächstem Abenteuer dabei sein.

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Christine
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2 Gedanken zu “Die Liebe einer Mutter

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