⚽️„Et kütt, wie et kütt, und et hätt noch immer joot jejangen“

IMG_2491Wir fielen uns in die Arme und verschmolzen im Freudentaumel zu einer tosenden Masse. Das ist es, was mich an der Stadionatmosphäre so fasziniert. Alles fällt von einem ab. Es ist nicht mehr wichtig, wer oder was man ist oder wo man herkommt. Man ist nicht mehr nur ein Einzelner, man wird zu einem Bestandteil einer einzigen großen Macht. In diesem Moment, zusammen mit meinen Brüdern vom ITC, fühlte ich mich geborgen in der fast grenzenlosen Energie, die sich unaufhaltsam ihren Weg nach draußen bahnte und an den Aachenern entladen wollte.“ (S. 59)

Der Hooliganclub „Injury Time Cologne“ (kurz: ITC) ist für den 17-jährigen Veit, wie eine Familie. Unter der Woche geht er gewissenhaft seiner Schreinerlehre nach und trifft sich am Wochenende mit seinen Kameraden jenseits des Fußballplatzes zur „dritten Halbzeit“. Hier geht es nicht (nur) um den Fußball, sondern ganz alleine um Fäuste und brutale Schläge.
Als Veit die Musikschülerin Lara kennenlernt, scheint alles perfekt. Doch über der frischen Beziehung liegt ein dunkler Schatten: die Sorge um Laras Bruder Laurien, der mit schweren Schädelverletzungen im Koma liegt.
Veit steht seiner Freundin bei, aber als sich herausstellt, dass Laurien Opfer eines gezielten Angriffs wurde, keimt in ihm ein fürchterlicher Verdacht: sind er und der ITC für den Zustand von Laras Bruder verantwortlich?

Bei Anpfiff Dritte Halbzeit handelt es sich um einen durchaus gelungenen Jugendroman, der sich mit der Hooliganszene auseinandersetzt.
Nicht selten kommt es zu Gewaltausschreitungen zwischen den Anhängern einzelner Fußballvereine. Ein aktuelles Beispiel sind die jüngsten Ausschreitungen während der Gruppenphase der gegenwärtigen EM 2016 in Frankreich, wo Hooligans aus England und Russland sich von ihrer brutalen Seite gezeigt haben.
Der Fußball selbst rückt hier ganz klar in den Hintergrund. Stattdessen stellt man sich bei der Betrachtung der Bilder in Zeitung und Fernsehen die Frage nach dem „Warum?“.
Warum nehmen Hooligans diesen langen Weg auf sich, um sich dann der Randale hinzugeben und Prügelorgien zu veranstalten? Warum handeln diese Menschen ohne ihren Verstand einzusetzen? Woher kommt diese Wut bei den Anhängern der Hooligans?

Der Protagonist dieses Romans ist Veit. Er ist Mitglied im Hooliganclub „Injurie Time Cologne“ (ITC) und bezeichnet sich selbst als Fan des SC Germania Köln.

„Der hält sich zwar nur mit Mühe in der zweiten Liga, aber das ist egal. Viel wichtiger ist sowieso, was in der dritten Halbzeit stattfindet. Dann gibt es ordentlich Beulerei.“ (S.7)

Und genau dies wird dem Leser auch bewusst, wenn er diesen Roman liest! Hier geht es nicht mehr alleine um die Liebe zum Fußball oder zum Verein. Hier geht es um den Kick nach dem Spiel, wenn all die Angestaute Wut, die sich über die Woche (durch private Probleme etc.) aufgebaut hat, im Kampf entladen werden kann. Es geht auch um die „Familie“, den Holliganclub, um dessen Ehre und Ansehen.

Veit ist ein spannender Charakter, den man im Verlauf des Romans verstehen lernt. Er wird von seinen „Brüdern“ Fighter genannt. Außerdem wird ihm Ähnlichkeit mit Wayne Rooney nachgesagt. „Der ist cool und geht immer dahin, wo es wehtut. Kompromisslos, aber ehrlich, genau wie ich.“ (S. 7)
Veit ist bereits schon länger ein wichtiges Mitglied bei ITC. In der Woche geht er gewissenhaft seiner Schreinerlehre nach und besitzt bei näherer Betrachtung einen weichen Kern, was seine Beziehung zu seiner (richtigen) Familie, seine Leidenschaft für seinen Beruf (der Umgang mit Holz) und seine Kaninchenzucht angeht.
Für den Leser ist es durchaus interessant, seine Entwicklung zur verfolgen. Zu Anfang erscheint er dem Leser blind, großkotzig, doch mehr und mehr beginnt er zu hinterfragen, was er da am Wochenende überhaupt macht.
Ihm ist es dennoch von Anfang an wichtig, dass kein Außenstehender mit in die Prügelorgien hineingezogen wird. Doch diesen „Kollateralschaden“, wie es Konrad (der Anführer der ITC) bezeichnet, lässt sich nicht immer vermeiden…
Dem Leser wird zum Teil deutlich, warum Veit Teil der Gruppe ist. Zumindest kann der Leser dies teilweise erahnen. Doch die Frage, wie er überhaupt Mitglied bei ITC wurde, bleibt leider unbeantwortet.

Lara ist ein weiterer Charakter, der durchaus sympathisch ist. Sie wurde von der Autorin natürlich, freundlich und authentisch aufgebaut. Einzelne Kapitel aus ihrer Sicht wären durchaus für den Verlauf der Handlung erfrischend gewesen und hätten auch nochmals einen Blick von außen auf die Hooliganszene ermöglicht. Doch das bleibt leider aus, was ich sehr schade finde.

Auch weitere Nebencharaktere, die zum Handlungsverlauf beitragen waren gegeben, wenn auch etwas blass gezeichnet. So bleiben die Mitglieder des ITC weitestgehend im Schatten. Ich hätte gerne mehr über die einzelnen Personen und ihre Beweggründe sich der Hooliganszene anzuschließen erfahren! So handelt es sich bei einem der Anhänger um einen jungen Familienvater…
Lieb gewonnen habe ich Veits Oma, die mich mit ihrer unbeschwerten und lockeren rheinischen Art sehr oft zum schmunzeln gebracht hat. „Wat soll dat heiße, du weeß et nit? Dat muss man doch wesse.“ (S. 150)
Doch man sollte sich nicht von ihrem kölschen Dialekt, der in den Dialogen mit ihr auftaucht, erschrecken lassen. Er ist durchaus verständlich und gibt diesem Jugendbuch einen ganz eigenen Charme, der ihn wiederum authentisch wirken lässt.

Und hier wären wir nun auch beim Schreibstil. Der Roman spielt in Köln und daher fallen vereinzelt Begriffe aus dem Sprachraum, die einen beim lesen manchmal etwas irritieren. So auch manche Formulierungen, die einen auch mal zusammenzucken lassen. Doch andererseits passen diese wiederum zu Veits Charakter. Der Lesefluss wird dadurch jedoch kaum gestört, stattdessen gewöhnt man sich an diese vereinfachte Jugendsprache.

Die Handlung war spannend zu verfolgen. Zentral geht es um den Konflikt, das Veit ein Hooligan ist und sich in genau das Mädchen verliebt, dessen Bruder durch eine Angriff von eben diesen im Koma liegt. Er war zur falschen Zeit, am falschen Ort. Seine Zukunft ist ungewiss.
Veit hält seine Hooligan-Identität geheim. Dadurch verstrickt er sich immer mehr in seinem Lügennetz. Er erzählt sowohl Lara nichts davon, als auch seine Familie tappt hier im Dunkeln. Und genau das hat mich dann doch irritiert. Veit hat ein sehr gutes Verhältnis zu seiner Familie und dennoch stellen sie ihm keine Fragen über seine ständigen Verletzungen, die immer am Wochenende entstehen? Das erschien mir dann doch weniger nachvollziehbar.

Zusammenfassend fand ich den Roman aber dennoch gelungen. Zwar bleiben am Ende noch immer einige Fragen offen und bei der Auflösung hat es sich die Autorin vielleicht etwas zu leicht gemacht, aber dennoch fand ich die Handlung und die Charaktere authentisch und spannend beschrieben. Und auch wenn es sich hierbei um ein Jugendbuch handelt, können auch ältere Leser durch diesen Roman einen Einblick in die Hooliganszene erhalten und Veit dabei begleiten, wie er an den entstehenden Konsequenzen reift, wozu Gewalt führen kann und das man Verantwortung für sein handeln übernehmen muss.

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Bonny


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2 Gedanken zu “⚽️„Et kütt, wie et kütt, und et hätt noch immer joot jejangen“

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