Brutal, aber auch tiefgründig

Die Umarmung des TodesVier Frauen arbeiten in der Nachtschicht in einer Lunchfabrik und lernen sich dort kennen und schätzen. Doch als Yayoi eines Tages erfährt, dass ihr Mann ihre gesamten Ersparnisse im Kasino verbraten hat, bringt sie ihn im Affekt um. Ihre drei Freundinnen helfen ihr mehr oder weniger freiwillig und zerstückeln den leblosen Körper um ihn so zu beseitigen. Doch die Leiche wird entdeckt und entfesselt so eine ungeheure Gewaltspirale, die ein sehr blutiges Ende findet.

Natsuo Kirino hat einen sehr eindrucksvollen Schreibstil. Ihr ausgezeichnetes sprachliches Niveau verschmilzt mit einem perfekt gezeichneten Spannungsbogen und zieht den Leser in seinen Bann. Die Charakterdarstellung der Protagonisten ist perfekt herausgearbeitet und die vielen, nicht zu langatmigen Beschreibungen, lassen einen tief in die japanische Welt eintauchen. Kirino legt den Finger in die Wunde und prangert nicht nur die Missstände in der japanischen Gesellschaft an, die so viele Leute in bitterer Armut alleine lässt, sondern zeigt, dass auch scheinbar normale Menschen zu den grausamsten Verbrechen fähig sind. Der psychologische Aspekt dieses Buches ist faszinierend und man spürt regelrecht, wie die Frauen immer mehr unter Druck geraten und sich schließlich komplett von ihrem früheren Leben abwenden. Kirino hat den Mut, diese menschlichen Abgründe zu schildern und schreckt auch nicht vor makabrer Brutalität zurück. Ich muss gestehen, dass ich Satakes Beschreibungen seines ersten Mordes teilweise nur überflogen habe, da dies mir dann doch zu blutrünstig war. Doch dies tut der Spannung keinen Abbruch und ist eher mein persönliches Gefühl, da ich mir solche Grausamkeiten nie allzu bildlich vorstellen möchte.

Die Protagonisten führen allesamt ein Leben, das sehr trostlos und unbefriedigend ist. Die Frauen haben große finanzielle Sorgen und auch das Familienleben bietet kaum Anlass zur Hoffnung. Sie jagen unverwirklichten Träumen hinterher oder sind einfach nur frustriert über ihr Leben, das so ganz anders verlief als erhofft. Während der ganzen Lektüre war ich mir nicht sicher, ob ich die Protagonistinnen, allen voran Masako und Yayoi verstehen, sympathisch finden oder aber verachten soll. Beide haben eine schreckliche Tat begannen, doch es gelang mir nicht, ihnen den Stempel des Bösewichts aufzudrücken. Die einzige Figur, deren Handeln ich nicht nachvollziehen konnte und die mir überaus unsympathisch war, war Kuniko.

Die verschiedenen Erzählperspektiven, die vor allem gegen Ende des Romans auftreten, verleihen dem Buch eine zusätzliche Spannung und lassen einen während der Schlussszene richtig mitfiebern. Dieser brutale Kampf um Leben und Tod wird aus Sicht der beiden Beteiligten geschildert und so kann man ihre verworrene Gefühlslage besser entwirren. So ganz nachvollziehen konnte ich Masakos Reaktion allerdings nicht, aber in Romanen ist ja Gott sei Dank alles möglich! J

Da dies mein erster asiatischer Roman war, hatte ich zunächst Bedenken ob ich mich bei den vielen asiatischen Namen zurecht finden würde. Glücklicherweise war das überhaupt kein Problem und ich vergaß den japanischen Hintergrund ziemlich oft während der Lektüre. So habe ich mir beispielsweise die Protagonisten allesamt mit europäischen Gesichtszügen vorgestellt und musste mich bei jeder Personenbeschreibung daran erinnern, dass dies nicht den Tatsachen entsprechen kann. Die aufgegriffenen Themen sind so brisant und klug gewählt, dass sie in jedem Land aktuell sind. Trostlosigkeit und Perspektivlosigkeit gepaart mit Armut und geringen Aufstiegsmöglichkeiten betreffen bei Weitem nicht nur die japanische Gesellschaft, sondern finden sich leider überall auf der Welt wieder. Die Frauen in diesem Roman haben ihren Ausweg gefunden, wenn auch auf ungewöhnliche und illegale Art und Weise. Aber werden Menschen in solch ausweglosen Situationen nicht geradezu in die Illegalität gedrängt? Dieser Roman ließ mich sehr nachdenklich zurück und ich fragte mich immer wieder, wie ich mich in einer solchen Situation verhalten hätte …

Dieses Buch hat es definitiv in sich und lässt den Leser nicht mehr los. Allerdings darf man keine schwachen Nerven haben, sonst kann man die Tiefgründigkeit dieses Buches nicht erkennen.

Ich vergebe 4 Papierblumen!

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Christine

Leider wird dieses Buch aktuell nicht mehr gedruckt. Meine Version ist aus dem Goldmann-Verlag, die Rechte hat anschließend aber wohl R M Buch und Medien übernommen. Es ist mir daher unmöglich, den Link zum Verlagshaus einzusetzen, da dieser Roman dort nicht mehr aufgelistet wird.

 

 

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2 Gedanken zu “Brutal, aber auch tiefgründig

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