Dschihad Calling – intensiv und aufwühlend

Dschihad CallingDer 18-jährige Jakob greift ein, als ein Mädchen mit Gesichtsschleier von rechten Hools belästigt wird – und verliebt sich in die blauen Augen der Unbekannten. Auf einem Pressebild erkennt er sie später wieder: Samira ist Mitglied eines Salafisten-Vereins. Trotzdem versucht Jakob Kontakt aufzunehmen und gerät so an Samiras Bruder Adil, der mit den Gotteskriegern des Islamischen Staates sympathisiert. Für Jakob zunächst undenkbar, fühlt er sich doch angezogen vom Gedankengut und der Lebensgemeinschaft der Salafisten. Dagegen stößt ihn die Kälte und Konsumorientiertheit seiner eigenen Umgebung immer mehr ab. Jakob radikalisiert sich, bricht alle alten Kontakte ab und konvertiert. Aber will er wirklich mit Adil nach Syrien ziehen? (Quelle: dtv)

Christian Linker hat mit diesem Buch eine beeindruckende Darstellung der sich radikalisierenden Jugendlichen geschaffen. Dieses heikle und hochaktuelle Thema betrifft unsere ganze Gesellschaft und die Jugendlichen müssten viel stärker aufgeklärt werden, damit sie sich nicht so leicht manipulieren und radikalisieren lassen.

Denn bei Jakob deutete absolut nichts auf eine „Karriere“ als Salafist hin, bis er sich unsterblich in Samiras blaue Augen verliebt. Da sein Freiwilligenjahr in Afrika geplatzt ist, hat Jakob sich notgedrungen an der Uni eingeschrieben und studiert nun gemeinsam mit seiner Freundin in Bonn. Doch Jakob ist sehr unzufrieden, fühlt sich rastlos und unvollständig. Nach der ersten Begegnung mit Samira sucht er den Kontakt zu ihr und besucht so eine Kundgebung ihres Salafisten-Vereins.

So betritt er eine für ihn vollkommen neue Welt und ist zu Beginn erstaunt, dass seine Vorurteile den Gläubigen gegenüber derart falsch sind.

„Sie kamen mir in keiner Weise manipuliert, debil oder irre vor, was immer ich auch erwartet haben mochte.“ (S.45)

Langsam lässt Jakob sich auf den Islam ein. Vor allem die Telefongespräche mit Samira öffnen diese Tür und bringen ihn ins Grübeln. Als Jakob schließlich mit seiner Freundin bricht, hilft Adil, Samiras Bruder, ihm und lässt ihn bei sich wohnen. Adil ist streng gläubig und sympathisiert offen mit dem IS. Die beiden jungen Männer führen viele, ernste Gespräche über die Religion und Jakob wird immer radikaler. Dieser Prozess findet allerdings schleichend statt, denn während er zu Beginn noch über die vielen Regeln gelächelt hat, so fügt er sich denen schon nach sehr kurzer Zeit komplett.

Am erschreckendsten fand ich dabei die Naivität, mit der die Beiden über den IS und dessen Gräueltaten redeten. Die Bagatellisierung mit der Adil von den Grausamkeiten spricht, lassen einem die Haare zu Berge stehen und so wundert es mich auch nicht, dass er wirklich überzeugt ist, im Koran die Rechtfertigung für das Handeln des IS zu sehen. Er verdreht die Tatsachen derart, dass er am Ende überzeugt davon ist, das einzig Richtige zu tun.

„Viele neue Staaten begehen am Anfang gewisse – ich sag mal Jugendsünden. Das wächst sich aus.“ (S. 104)

Adil, als 16-Jähriger derart neben der Spur, dass er als Loverboy junge Mädchen manipulierte und auf den Strich schickte, kämpft nun mit seinem schlechten Gewissen und stürzt sich voller Eifer in die Radikalisierung. Die Schuld an seinem Handeln gibt er aber der Gesellschaft und den Frauen, die durch ihr unverschleiertes Auftreten ihre eigene Unterdrückung fördern würden.

Er ist überzeugt, „… dass so etwas in einem islamischen Land, inschallah, niemals geschehen könnte. Wo die Frauen sich verschleiern. Es ist absolut wichtig, dass sie das tun. Ich hätte das früher nie für möglich gehalten. Aber heute weiß ich, wie schnell sich eine Frau zur Schlampe machen lässt.“ (S.193)

Es machte mich sehr wütend, dass scheinbar niemand auf Adils Radikalisierung reagierte. Der Prediger seiner Gemeinde vermeidet es, sich klar gegen den IS zu stellen, da er anscheinend fürchtet Anhänger zu verlieren. Jeder weiß, dass bereits Adils Mitbewohner in Syrien starb, doch niemand unternimmt etwas, als Adil den gleichen Weg einzuschlagen droht. Wo bleibt der Aufschrei seiner Gemeinde? Warum gibt es dort niemanden, der dem Jungen den echten Islam aufzeigt, mit all seiner Güte und Menschenfreundlichkeit? In dieser Situation müsste doch irgendjemand sich für den Jungen verantwortlich fühlen und ihn wieder zur Vernunft bringen. Stattdessen hat man als Leser das Gefühl, dass Adils Verhalten toleriert wird, entweder aus stiller Zustimmung oder aus Scheu vor Konflikten. Mir wurde nicht klar, ob der Prediger Abu Tarek von Adils Plänen wusste. Da Adil dem Prediger eigentlich so ziemlich alles erzählt, würde es mich wundern, wenn Abu Tarek nicht auch über dessen geplante Ausreise informiert wäre. Warum lässt er dies geschehen? Adils Chef ist ja ohne Zweifel an der Organisation der Ausreise beteiligt und vermittelt fleißig die Kontakte zwischen den Ausreisewilligen und dem IS.

Nur Samira stellt sich offen gegen Adils Radikalisierung und sie versucht Jakob wieder auf den richtigen Weg zurückzubringen. Sie steht für das genaue Gegenteil Adils, sie ist offen, selbstbewusst und lebt ihre Religion im Einklang mit sich selbst und mit ihren Mitmenschen.

„Mit manchen Konvertiten ist es, als ob jemand neu in ein großes Haus einzieht, einen winzigen Teil der Hausordnung gelesen hat und jetzt alle Hausbewohner mit irgendwelchen Regeln tyrannisiert, die er aus dem Zusammenhang gerissen hat.“ (S.202)

Sie hat keine Angst vor dem Leben, wie sie es Jakob manchmal vorwirft, sondern setzt sich mutig und intelligent für die Frauenrechte im Islam ein und traut sich auch, Prediger Abu Tarek vor der ganzen Gemeinde in punkto IS zur Rede zu stellen. Nach dessen Reaktion wundert es mich nicht, dass Samira mit der Gemeinde bricht. Sie wird bei ihrem Kampf um Adil im Stich gelassen und von Abu Tarek wegen „Unzucht“ verspottet. Er will oder kann das Thema Radikalisierung weder ansprechen noch ernsthaft angehen.

Das gesamte Buch wird als Rückblick erzählt. Der Leser weiß also von Anfang an, dass Jakob in einem deutschen Untersuchungsgefängnis sitzt, da er im Verdacht steht für den IS kämpfen zu wollen. Dort liest er in dem Tagebuch, das er Adil schenkte als er nach Syrien aufbrach. Nach und nach erfährt man als Leser, wie es zu dieser Situation kam. Die Tagebucheinträge sind Berichte von der IS-Front und werden vom Autor sehr geschickt in die Handlung eingefädelt. Nach anfänglicher Euphorie macht sich auch bei Adil relativ schnell die Ernüchterung breit und er fühlt sich zusehends unwohl.

„… nach den Dingen, die ich in Raqqa erlebt habe, verstehe ich inzwischen, dass nicht alle Menschen ausschließlich glücklich sind unter dem Kalifat zu leben, um es mal vorsichtig auszudrücken. Und dass die normalen Menschen oft Angst vor uns haben.“ (S.268)

Als Belohnung für seinen mutigen Einsatz an der Front, erhält Adil eine Braut. Dies löst selbstverständlich ein Hochgefühl in ihm aus, doch spätestens als seine Frau (auch eine radikalisierte Deutsche) ihm erklärt, wie sehr sie sich freut, dass er den Märtyrertod sterben wird und sie so ins Paradies holt, ist er sehr schnell zurück auf dem Boden der Tatsachen. Sie treibt ihn sogar dazu, sich an weiblichen Gefangenen zu vergehen, was darin endet, dass Adil die Sklavin erschießt. Dies ist der absolute Tiefpunkt in Adils Leben und er ist sich dessen auch bewusst. Seinen Tod führt er sehr bewusst herbei und er hat mich mit seiner Tat überrascht.

Dieses Buch geht mir unter die Haut und ich kann die radikale Einstellung von Adil zu keinem Moment nachvollziehen. Es ist mir vollkommen schleierhaft, wie ein denkender Mensch sich von dieser Barbarei angezogen fühlen kann und dabei auch noch freiwillig mitmacht. Bei Adil kam die Einsicht zu spät, doch vielleicht kann dieses Buch dazu beitragen, andere Jugendliche wachzurütteln und sie aus den Fängen der Radikalität, welcher Art auch immer, zu befreien.

Ich vergebe 5 Papierblumen. NurEinBuchIButtonVERLAGSSEITE
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Christine
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3 Gedanken zu “Dschihad Calling – intensiv und aufwühlend

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