Das traurige Leben eines verkannten Genies

Der Sündenfall von WilmslowWilmslow (England) 1954: Der Mathematiker Alan Turing begeht Selbstmord, indem er einen mit Zyanid vergifteten Apfel isst. Für die Polizei ist dieser Fall schnell geklärt, vor allem da Turing aufgrund seiner Homosexualität zu einer „chemischen Kastration“ verurteilt wurde. Nur der junge Polizeiassistent Corell macht sich die Mühe hinter die Fassade zu blicken und beginnt, sich für die Person Alan Turing zu interessieren. Doch seine Nachforschungen werden nicht von jedem mit Wohlwollen gesehen und rasch werden ihm Steine in den Weg gelegt. Denn Alan Turing hat im Zweiten Weltkrieg Unglaubliches für die Alliierten geleistet, doch dies würde die britische Regierung am liebsten für immer geheim halten …

Bevor ich dieses Buch in Händen hielt waren mir weder Alan Turing noch Bletchley Park ein Begriff. Zwar wusste ich, dass die deutsche Wehrmacht ihre Botschaften mithilfe der Enigma-Maschine verschlüsselte, doch ich hatte keine Ahnung von dem Aufwand, den die britische Regierung betrieb um diese Codes zu knacken.

 Erst nach und nach wird mir jetzt klar, welche Leistung die Mathematiker rund um Alan Turing hier vollbracht haben und dieser ganze Entstehungsprozess ist äußerst interessant. Man spürt, dass David Lagercrantz sich zu hundert Prozent in dieses komplexe Thema eingearbeitet hat und er versucht, es dem Leser so verständlich wie möglich zu gestalten. Vor allem im Mittelteil war eine sehr philosophische Debatte über den Ursprung der reinen Mathematik und die Probleme, vor die das Lügnerparadox sie stellte. Diese Diskussion fand ich zwar interessant, aber auch sehr komplex und ich musste mich wirklich konzentrieren um den Inhalt richtig erfassen zu können. Dennoch vermittelte sie einen guten Einblick von Alan Turings Verständnis von Mathematik und seiner Idee, eine mechanische Intelligenz zu erschaffen. Denn Turing ist der Vorreiter des Computers und noch heute wird sein Turing-Test benutzt um Maschinen auf künstliche Intelligenz zu testen.

Der Umgang mit Homosexuellen in der Nachkriegszeit machte mich fassungslos, wütend und traurig zugleich. Alan Turing war zweifellos ein mathematisches Genie, doch er wurde wegen seiner Homosexualität verurteilt und verunglimpft. Nach seiner Verurteilung hatte er nun die „Wahl“ zwischen Gefängnis und einer sogenannten chemischen Kastration. Er entschied sich für Letzteres und musste jahrelang Östrogen zu sich nehmen. Dies veränderte natürlich seinen Körper und als er schließlich Selbstmord beging, hieß es von Seiten des Untersuchungsrichters „dass ein solches impulsgesteuertes Handeln typisch sei für das Verhalten eines Mannes dieser Art!“ (S.455)

Warum Turing Selbstmord beging ist nicht bekannt. Die chemische Kastration kann zu Depressionen führen, was mich auch nicht weiter wundern würde. Allerdings stand Turing zur Zeit seines Selbstmordes unter dem Verdacht des Hochverrats, da er als Homosexueller natürlich moralisch verdorben sei und somit auch leicht zum sowjetischen Spion werden könnte. Dieser unsinnige Verdacht und vor allem dessen hirnrissige Begründung machen mich noch jetzt wütend. Immerhin ist dies erst 60 Jahre her!

Doch zu dieser Zeit wurde Homosexualität als Krankheit, gar als Perversion angesehen, die die ganze Gesellschaft bedrohen würde. Die homophobe Atmosphäre ist sehr menschenverachtend und an manchen Stellen sehr extrem. Alan Turing ist an einer verstockten, intoleranten und rückständigen Gesellschaft gescheitert. Glücklicherweise haben die Zeiten sich geändert haben und unsere Gesellschaft ist heute offener und toleranter.

Der Polizeiassistent Corell war mir zu Beginn nicht sympathisch, was größtenteils an seiner homophoben Einstellung lag. Nur langsam vollzieht sich in ihm ein Wandel und er wird etwas toleranter. Diese Entwicklung hat er vor allem seiner Tante Vicky zu verdanken. Dennoch bleibt Corell ohne jedes Selbstvertrauen und er hat Angst, vor seinem eigenen Mut. Denn er hat das Talent, Zusammenhänge rasch zu begreifen und ist vermutlich selber überdurchschnittlich intelligent, doch seine jahrelang gehätschelten Komplexe lassen sich nur schwer über Bord werfen. Erst nachdem er die Wahrheit kennt wird er mutiger uns selbstsicherer.

Dieses Buch ist eine Mischung aus Biographie und Aufarbeitungsroman und hat mich sehr berührt. Einen Krimi sucht man hier vergebens, doch das Buch fesselt den Leser auch ohne kriminalistischen Elemente. Denn der historische Hintergrund hat ein enormes Gewicht und Alan Turings trauriges Leben lässt einen sicherlich nicht kalt.

In seiner Rede anlässlich der offiziellen Entschuldigung der britischen Regierung trifft Gordon Brown, fünfundfünfzig Jahre nach Alan Turings Tod den Nagel auf den Kopf:

„Im Namen der britischen Regierung und all derer, die dank Alans Arbeit in Freiheit leben, bin ich stolz, sagen zu können: Es tut uns leid, du hattest so viel Besseres verdient!“ (S.460)

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Christine

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2 Gedanken zu “Das traurige Leben eines verkannten Genies

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