Mädchen, die sich in Luft auflösen wollen

WintermädchenLia erfährt, dass ihre ehemals beste Freundin Cassie in einem ziemlich verlassenen Motel tot aufgefunden wurde. Allein. Was niemand weiß: Kurz vor ihrem Tod hat Cassie 33 Mal versucht, Lia telefonisch zu erreichen. Doch diese weigerte sich das Gespräch anzunehmen, da die beiden Mädchen in letzter Zeit keinen Kontakt mehr hatten. Dennoch sind sie untrennbar durch einen Pakt verbunden, da sie zusammen beschlossen haben, die schlanksten Mädchen der ganzen Schule zu sein. Der Druck, der durch dieses fragwürdige Ziel auf den beiden Mädchen lastet, treibt sie in die Fänge von Bulimie und Magersucht. Das Essen wird zum Feind und für Lia beginnt ein Kampf auf Leben und Tod, vor allem aber gegen sich selbst!

Laurie Halse Anderson bietet mit diesem Roman einen erschütternden Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt eines magersüchtigen Mädchens. Auf poetische, teils sogar märchenhafte Art und Weise schildert sie Lias Alltag und ihren täglichen Kampf mit dem Essen. Der Schreibstil der Autorin ist ausreichend detailliert, ohne sich jedoch in ausschweifenden Beschreibungen zu verlieren. Teilweise bringt sie die Dinge mit geradezu erschreckender Nüchternheit auf den Punkt.

Lia ist eine Gefangene ihres eigenen Körpers. Sie verspürt ein Hungergefühl, doch sie untersagt es sich strengstens, etwas zu essen. Denn sie fühlt sich dick, wertlos und unfähig.

„Ich kann weder schauspielern noch Fußballspielen und die meisten hier haben bessere Noten als ich. Aber ich bin das schlankste Mädchen hier, keine Frage.“ (S.94)

Gemeinsam mit ihrer besten Freundin Cassie schließt sie den Pakt, zu den dünnsten Mädchen der Schule zu werden. Während Cassie unter Bulimie leidet, rutscht Lia immer tiefer in die Magersucht. Die beiden Mädchen unterstützen sich in ihrem gefährlichen Vorhaben und gleiten dadurch immer tiefer ab. Als Cassie die Notbremse ziehen will, gibt Lia zwar vor, sie zu unterstützen, sabotiert aber gleichzeitig alle Anstrengungen ihrer Freundin mit fieses Psycho-Spielchen.

„Wir verwandelten uns in Wintermädchen, und als Cassie sich davonmachen wollte, zog ich sie in den Schnee zurück, weil ich Angst davor hatte, allein zu sein!“ (S.117)

Cassies Tod und die daraus resultierenden Schuldgefühl stürzen Lia in eine tiefe Krise. Doch sie weigert sich mit ihrer Familie oder ihrer Therapeutin darüber zu reden. Stattdessen spielt sie ihnen das heile Leben vor und täuscht und belügt sie, wo es nur geht. Ihr Körper schaltet auf Hungersnot um und ihr ist ständig kalt, da sie die eigene Körpertemperatur nicht selbständig halten kann. Doch ihr geschwächter Körper hat auch Auswirkungen auf ihre Psyche. So bildet Lia sich ein, Cassie zu sehen, und zwar als böswilligen Geist, der sie tyrannisiert und ihr nachts den Schlaf raubt.

Diese Cassie, oder vielmehr ihre Erscheinung, machen Lia Angst und verstören sie. Doch anstatt sich Hilfe zu holen, straft sie sich mit noch weniger Nahrung und sie beginnt wieder, sich zu ritzen. Als Leser leidet man richtig mit Lia, aber auch mit ihrer Familie mit. Immer wieder hätte ich sie am liebsten geschüttelt und wachgerüttelt und ich will mir gar nicht vorstellen, wie betroffene Eltern sich in so einer Situation fühlen. Ihre Hilflosigkeit muss ihnen doch schier den Atem rauben und sie um den Verstand bringen.

Erstaunlicherweise geht Lia zeitweise sehr rational mit ihrer Erkrankung um.

„Wenn man verhungert, schüttet der Körper Adrenalin aus. Das will niemand kapieren. Abgesehen vom Hungergefühl und dem Frieren fühle ich mich tatsächlich meistens so, als könnte ich Bäume ausreißen.“ (S.215)

Sie weiß ziemlich genau, was die Krankheit mir ihr macht und sie ist sich auch darüber im Klaren, dass sie ihrer Meinung nie dünn genug sein wird. Jedes Ziel ist nur eine Zwischenetappe vor dem endgültigen Verschwinden, denn am liebsten würde sie 0 kg wiegen. Lia kann sich einfach nicht von diesen zerstörerischen Gedanken befreien und auch ihre Familie kommt nicht mehr an sie heran. Die Beziehung zu ihrer Mutter ist sowieso katastrophal und der Bezeichnung Mutter-Tochter-Beziehung eigentlich gar nicht würdig. Für Lias Mutter steht ihr Beruf an erster Stelle und sie kann sich mit der Krankheit ihrer Tochter nicht wirklich auseinandersetzen. Ihr Vater redet das Problem klein und lässt sich wohl am längsten von Lia hinters Licht führen. Dessen zweite Ehefrau Jennifer und die kleine Emma sind der eigentliche Halt in Lias Leben, doch dessen wird sie sich erst recht spät bewusst. Erst nachdem Emma ihre Wunden gesehen hat und davon total verstört ist, zieht Lia die Notbremse und lässt sich helfen.

„Essen ist Leben (S. 309) wird ihr neues Mantra und sie lernt, Gefühle zu empfinden und zuzulassen. Langsam wird sie sich ihrer Handlung bewusst und ist gewillt, in Zukunft ein gesünderes Leben zu leben.

„Ich bin sauer, dass ich mein Gehirn verhungern ließ, dass ich nachts zitternd in meinem Bett gelegen habe anstatt zu tanzen oder Gedichte zu lesen oder Eiscreme zu essen oder einen Jungen zu küssen…“ (S.310)

Insgesamt ein tolles Buch zu einem sehr ernsten und leider auch weitverbreiteten Thema. Das Buch macht nachdenklich und traurig, es erschüttert und erschreckt, ist aber dennoch am Ende voller Hoffnung und lebensbejahend.NurEinBuchIButtonVERLAGSSEITE

Ich vergebe 5 Papierblumen!
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Christine

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