All American Boys

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Zum Inhalt:

Freitagabend … oder, laut Rashads Wochentag-Bezeichnung, „Party“!  Der 16-jährige Rashad möchte auf dem Weg zu einer Party noch schnell im „Jerry’s“, dem Eckladen auf der Vierten Straße, Chips besorgen. Als er sich hinkniet um in seiner Sporttasche nach seinem Handy zu suchen, damit er seinem Bruder Spoony anrufen kann, stolpert eine andere Kundin über ihn. Dieses Missgeschick wird Rashad zum Verhängnis: Officer Paul Galuzzo, ein weißer Polizist, verdächtigt den schwarzen Jungen, die Kundin bedroht zu haben und schreitet ein. Als dann auch noch der Kassierer laut durch den Laden ruft, Rashad habe bestimmt etwas stehlen wollen, geht alles ganz schnell. Der Polizist schleppt Rashad vor die Tür, legt ihm Handschellen an und prügelt ihn krankenhausreif. „Ladendiebstahl, Erregung öffentlichen Ärgernisses und Widerstand gegen die Staatsgewalt“ – so lautet anschließend die Anklage gegen Rashad.

Der 16-jährige Quinn, der zur gleichen Schule geht wie Rashad und vor dem Laden darauf wartet, dass jemand vorbeikommt, den er bitten kann, Bier für ihn zu kaufen, hat die Szene beobachtet. Sein bester Freund Guzzo ist der Bruder des Polizisten. Quinn steht vor einer schweren Entscheidung: Soll er auf sein Gewissen hören und seine Beobachtungen und sein Wissen teilen? Oder soll er doch lieber hinter Paul stehen, der jahrelang für ihn eine Art „Vaterersatz“ war?

Meine Meinung:

Dieses Buch behandelt ein sehr aktuelles und auch sehr brisantes Thema. Abwechselnd erzählen Quinn und Rashad ihre Sicht der Dinge. Die beiden Autoren verwenden dabei eine sehr authentische Jugendsprache.

Während Rashad im Krankenhaus die Ereignisse Revue passieren lässt und starke Schmerzen hat, fühlt Quinn sich hin- und hergerissen zwischen der Loyalität zur Familie Galuzzo und dem Gefühl, Verantwortung übernehmen zu müssen, seine Augen nicht länger verschließen zu dürfen. In Jill, der Cousine der Galuzzo-Brüder, findet er recht schnell eine Verbündete, der er sich anvertrauen und mit der er gemeinsam etwas unternehmen kann, damit solche Ereignisse, wie sie sich im Jerry’s zugetragen haben, nicht wiederholen.

Mich hat das Buch unheimlich gepackt und mehrmals wurde ich beim Lesen richtig wütend! Auf Quinn, der anfangs zu feige ist um das anzuprangern, was er beobachtet hat. Auf Rashads Vater, der seinem Sohn keinen Glauben zu schenken scheint. Auf die Lehrer der Jungen und den Coach des Basketballteams, die die Geschehnisse verneinen und den Jugendlichen sogar verbieten, darüber zu sprechen. Auf Paul und seinen Bruder Guzzo, die die Tat rechtfertigen und andere dazu bringen wollen, dies so zu akzeptieren. Und auf die Menschen, die im Buch zu Wort kommen, und es völlig normal finden, dass ein schwarzer Jugendlicher von einem weißen Polizisten zusammengeschlagen wird, ohne das Geringste verbrochen zu haben.

„Wir wissen nicht, was in diesem Laden passiert ist, also stelle ich mich nicht einfach hin und sag, der Junge ist unschuldig. Vielleicht ist er es nicht. Ich bin Taxifahrer und arbeite nachts, und, ehrlich gesagt, wenn dieser Bursche mich ranwinken würde und es wäre dunkel draußen, also ich würd weiterfahren.“ S.193

Umso erleichterter war ich, als Quinn endlich zur Vernunft kommt, gegen diese Ungerechtigkeiten aufbegehrt und sein eigenes Verhalten in Frage stellt:

„Ich hatte den ganzen Tag darüber nachgedacht… Alle verlangten von mir Loyalität: Ma, Guzzo und Paul. Dein Vater war loyal bis zum Schluss, sagten sie immer. Seinem Land gegenüber, seiner Familie gegenüber, das meinten sie damit. Dabei ging es gar nicht um Loyalität, sondern darum, dass man für das, was man glaubt, einstand. Ich wollte der Sohn meines Vaters sein. Jemand, der daran glaubt, dass es möglich war, die Welt zu verbessern. Und der sich dafür einsetzte.“ S.270

„Waren unsere Herzen wirklich so abgestumpft, dass erst Menschen sterben mussten, damit wir überhaupt so was wie Mitgefühl entwickelten? Und was für ein Mensch war ich, wenn ich einen solchen Schock brauchte, um die gute Seite in mir zu entdecken?“ S.298

Rashad und Quinn, die beiden Protagonisten dieses Romans, sind sich sehr ähnlich. Und dennoch gibt es einen Unterschied zwischen den beiden: ihre Hautfarbe. Genau dieser Unterschied ist es jedoch, der dazu führt, dass die Dinge ihren Lauf nehmen und dass die Diskussionen entfacht werden. Auch Quinn ist sich dessen bewusst:

„Wir lebten vielleicht in derselben Stadt und gingen auf dieselbe Schule, aber unsere Leben waren völlig verschieden.
Warum? Man sollte doch meinen, dass wir vieles gemeinsam hätten.  … Es war genau wie Jill gesagt hatte. Niemand hält sich selbst für einen Rassisten, aber vielleicht war das Problem viel größer, weil es jeder einfach ignorierte und so tat, als wäre es unsichtbar. Vielleicht ging es ja doch um Rassismus.“ S.265

Genau dieses „Ignorieren“ erschüttert einen als Leser. Immer wieder habe ich mich gefragt, warum die Lehrer nicht thematisieren, was vorgefallen ist, warum der Coach keine Aussprache mit seinem Team sucht, warum die Kundin aus dem Jerry’s sich so lange nicht meldet…

Mehrmals wird deutlich, wie tief der Graben in der amerikanischen Gesellschaft wirklich ist. Rashads Freund English, der mit Quinn im Basketballteam der Schule spielt, bringt dies auf den Punkt:

„Du willst alles vergessen, ja? Na, vielleicht kannst du es ja. Aber ich ganz sicher nicht. … Und überhaupt, was weißt du schon darüber? Ein weißer Junge wie du braucht sich mit so ’nem Scheiß ja nicht abzugeben. Du bist für alle nur ein netter, lieber amerikanischer Durchschnittsjunge und du kannst einfach die Straße langgehen und an andere Sachen denken. Einfach weiterleben, als würde es diesen Scheiß hier nicht geben.“ S.182

Die Orignalausgabe des Buches ist unter dem Titel „All American Boys“ erschienen. Dieser Titel verdeutlicht, im Gegensatz zur deutschen Übersetzung, worum es den Autoren hier geht. Der Leser soll aufgerüttelt werden. Er soll erkennen, dass das Problem der Rassendiskriminierung immer noch ein sehr aktuelles Thema in den Vereinigten Staaten ist. Diesem Standpunkt wird zusätzliches Gewicht verliehen, wenn die Jugendlichen die Namen von unbewaffneten Schwarzen vorlesen, die durch Polizeigewalt ums Leben kamen. Auch wenn im Buch nur die Namen der Opfer genannt werden, so verbergen sich wahre Dramen dahinter. Mich hat hier besonders der tragische Tod der 7-jährigen Aiyana Jones erschüttert.

Einziger (winziger) Kritikpunkt: Die Beweggründe von Paul werden im Buch kaum thematisiert. Was wirklich in ihm vorging als er Rashad zusammengeschlagen hat, beziehungsweise wie es ihm damit geht, dass das Video von seiner Tat auf Youtube und anschließend sogar in den Nachrichten in einer Art Dauerschleife zu sehen ist, ist etwas schade.

Dennoch schaffen es die beiden Autoren, dass der Leser auch Verständnis für die Polizisten aufbringen kann und einsieht, dass auch diese nur Menschen sind, die Fehler begehen können und die selbst jeden Morgen das Haus verlassen, ohne zu wissen, ob sie abends wieder bei ihren Familien sein werden. Wie ihnen dies gelingt, möchte ich an dieser Stelle jedoch nicht verraten.

Mich hat diese Geschichte sehr beeindruckt, weil sie seinen Leser wachrüttelt und weil sie ein Plädoyer dafür ist, Zivilcourage zu zeigen, Menschen nicht nach ihrem Äußeren zu beurteilen und sich für Gerechtigkeit einzusetzen.

Das Buch eignet sich sehr gut dazu, mit Jugendlichen im Unterricht gelesen und diskutiert zu werden. Von mir gibt es aus diesem Grund 5 Papierblumen und eine absolute Leseempfehlung!

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Véro
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3 Gedanken zu “All American Boys

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