Leise Töne, immense Wirkung

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Der neunjährige Bruno lebt mit seiner Familie in Berlin. Doch eines Tages wird Brunos Vater, wichtiger Vertrauter des Führers, nach Ausschwitz versetzt und seine Familie muss mit ihm dorthin ziehen. Für Bruno bricht eine Welt zusammen, muss er doch nun seine Freunde und das wunderbare Haus zurücklassen. In Ausschwitz angekommen verstärkt sich Brunos Enttäuschung nur noch und er möchte am liebsten zurück nach Berlin. Denn in seiner neuen Heimat ist alles trostlos und der leidenschaftliche Hobbyforscher langweilt sich zu Tode, bis er schließlich den Jungen am Zaun entdeckt …

John Boynes Erzählung geht einem wirklich an die Nieren und lässt keinen Leser kalt. Dabei bleibt der Erzählungsstil oft sehr vage und kindlich, da die Handlung ausschließlich aus Brunos Sicht erzählt wird. Dennoch ist dieses Buch meiner Ansicht nach, nicht nur für jugendliche Leser geeignet, sondern zieht auch Erwachsene in ihren Bann.

Es fiel mir sehr leicht den jungen, sehr naiven Bruno zu mögen. Er ist ein sorgloses, unbeschwertes Kind das gerne forscht und mit seinen Freunden spielt. Die schrecklichen Geschehnisse während des Zweiten Weltkrieges rauschen beinahe unbemerkt an ihm vorbei, obwohl sein Vater ein ranghoher Nazi ist und vor seinen Augen das KZ Auschwitz leitet. Brunos kindliche Naivität wird durch das Verhalten seiner Eltern und seiner Umgebung geschürt, da niemand mit dem Jungen über das Vorgehen in Auschwitz spricht. Er glaubt an seinen Vater und bewundert dessen prächtige Uniform, da er überzeugt davon ist, dass sein Vater Gutes tut.

„Heil Hitler“, sagte er, was, wie er annahm, eine andere Möglichkeit war zu sagen: Na dann, auf Wiedersehen und einen schönen Nachmittag.“ (S.71)

Unbewusst spürt Bruno sehr wohl, dass hier irgendetwas nicht stimmt, denn immer wieder drängt er auf die Heimkehr nach Berlin. Er will an diesem trostlosen Ort nicht bleiben, denn er findet keinen Spielkameraden und er vermisst das lockere, schöne Leben in seiner alten Heimat. Er erinnert sich gerne an seine Omo väterlicherseits, die sich offen gegen die Ansichten ihres eigenen Sohnes stellt. Sie lässt sich nicht von der schönen, prachtvollen Uniform blenden, sondern sieht die Grausamkeiten, für die diese steht.

„Ich weiß nicht –  habe ich an dem Punkt vielleicht einen Fehler bei dir gemacht, Ralf?“, fragte sie. „Ich frage mich, ob dich die vielen Auftritte, zu denen ich dich als Junge gedrängt habe, so weit gebracht haben. Dass du dich anziehst wie eine Marionette.“ (S.115)

Nur einmal spricht Bruno mit seinem Vater über die Häftlinge des KZ, doch er kann mit dessen Antworten nichts anfangen und versteht sie nicht.

„Die Leute, die ich von meinem Fenster aus sehe. Die in den Baracken, in der Ferne. Sie sind alle gleich angezogen.“

„Ach, die“, sagte Vater. Er nickte und lächelte leicht. „Das … na ja, das sind eigentlich gar keine Menschen, Bruno.“ (S.69)

Natürlich kann ein neunjähriger, noch dazu recht naiver Junge mit einer solchen Aussage nichts anfangen und die Strenge seines Vaters verbietet auch die Nachfrage. Dies weckt einerseits nicht nur Brunos Neugier, sondern verhindert auch, dass er sich von der Nazi-Mentalität seines Vaters anstecken lässt. Er wundert sich über die ganze Situation, begegnet aber jedem mit Respekt und einer kindlichen Neugier.

Auf einem seiner Streifzüge begegnet Bruno schließlich Schmuel, der auf der anderen Seite des Zaunes lebt. Schnell freunden die beiden Jungen sich an, auch wenn ihr Schicksal kaum weniger Gemeinsamkeiten aufzeigen könnte. Denn Schmuel ist Häftling des Konzentrationslagers und muss dort um sein Leben kämpfen. Die beiden Jungen verstehen sich blendend und sehen sich täglich am Zaun, wenn das Wetter es ihnen ermöglicht. Außerdem bringt Bruno Schmuel Essen mit, da sein Freund sehr hungrig und dünn ist.

Dennoch bröckelt Brunos Naivität auch während den Gesprächen mit Schmuel nicht. Während Schmuel immer wieder auf die Grausamkeiten seines Lebens hindeutet, verweist Bruno auf Streitigkeiten mit seiner Schwester, als ob dies ein passender Vergleich wäre. Brunos Leichtgläubigkeit und Unwissenheit rührte mich fast zu Tränen, obwohl ich mir eigentlich nicht vorstellen konnte, dass die Geschehnisse um ihn herum derart spurlos an ihm vorbeigehen konnten.

Oft habe ich mich gefragt, ob Brunos Tod als Strafe für die Handlungen des Vaters gedacht war. Die Maschinerie des Todes, die der Vater entwickelt hat, wird schließlich seinem eigenen Sohn zur Falle und somit tötet er sein eigen Fleisch und Blut. Dennoch kann ich mit dem Vater kein Mitleid verspüren, genauso wenig, wie er es für die vielen Insassen des KZ empfand. Bruno und Schmuel fielen, wie so viele andere, einer grausamen und kranken Mentalität zum Opfer und ihr sinnloser Tod bezeugt die Abgründe der menschlichen Seele.

Dieses Buch entfaltet, trotz einer beinahe ruhigen, stillen Atmosphäre, eine enorme Wirkung. Absolute Leseempfehlung!

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Christine

 

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3 Gedanken zu “Leise Töne, immense Wirkung

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