Hallo Weltall, hier ist meine Visitenkarte

„Ich träume von der Vergangenheit, davon was hätte passieren können oder passieren sollen oder nie passiert ist. Sie träumen von der Zukunft. Sie sind jung, Sam. Im Augenblick ist Ihnen das nicht klar, aber Sie sind sehr jung.“ (S. 96)

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Wenige Tage nach ihrem Yale-Abschluss starb Marina Keegan mit nur 22 Jahren bei einem Autounfall. Sie war ein Ausnahmetalent, das der Welt brillante Texte voller Lebenslust hinterließ. Selbstbewusst und authentisch schrieb sie über Themen, die sie wie auch viele andere junge Erwachsene beschäftigten: Liebe, Lust, Eifersucht, Selbstzweifel, Geborgenheit, Ablenkung, Familie und Zukunft.
Marina Keegans Stories und Essays feiern den Moment, begeistern durch ihre Hoffnung, sind rhythmisch und klangvoll, melancholisch und geistreich.

Dieses Buch ist ein buntes Sammelsurium an Stories und Essays, die sich in ihrer Thematik voneinander unterscheiden, aber auch eine Gemeinsamkeit haben: sie bringen einen zum nachdenken und genau das ist es, worauf Marina Keegans Texte abzielen.
Sie lassen uns innehalten, unruhig werden, Fragen stellen und inspirieren uns vielleicht sogar dazu die Welt nicht nur oberflächlich zu betrachten, sondern als einen Ort, wo Menschen lieben, zerbrechen und Träume haben.
Und am Ende? Läuft das Leben anders, als wie in unserer Vorstellung ausgemalt. Wichtig dabei ist, dass wir uns vergegenwärtigen, dass es nie zu spät ist etwas zu ändern.

„[…] wenn wir aufgeben und ausgehen, schleicht sich so ein Gefühl in unser kollektives Bewusstsein, dass es irgendwie zu spät ist. Dass uns andere irgendwie voraus sind. Vollkommener, spezialisierter sind. Mehr auf dem Weg, irgendwie die Welt zu retten, etwas zu schaffen, zu erfinden oder zu verbessern. Dass es schon zu spät ist, noch mal ganz von vorne anzufangen […]. Wir dürfen nicht vergessen, dass uns immer noch alles offensteht. Wir können es uns anders überlegen.“ (S. 29 f.)

Das paradoxe daran: mir ging genau dieser Gedanke durch den Kopf, als ich die ersten Seiten dieses Buches gelesen habe. Marina Keegan erschien mir als wäre sie mir voraus, sie die Vollkommene, die auf dem Weg ist die Welt alleine mit ihren Worten zu verbessern. Und ja, sie hat recht. Wir sehen andere Personen (ob in den Medien oder in unserem unmittelbaren Umfeld) und fragen uns, warum schaffen sie es so AKTIV zu sein?
Am Ende ist es doch ein ewiger, nie endender Kreislauf. Denn auch diese Personen haben jenen Gedankengang. Wir sollten unsere Zeit nicht damit vergeuden darüber nachzudenken „wie es sein könnte“ oder „was andere haben“. Wir sollten uns Ziele setzten und unseren Vorbildern folgen – etwas zu tun. Und nicht stehenbleiben und andere dabei beobachten, wie sie laufen und laufen und laufen, sondern selbst dort vorne sein. Und haben wir dass getan, dann können wir später auf unser Leben blicken und Stolz sein, als trübselig über unsere vergeudete Zeit zu trauern.

Aber kommen wir von der Grundessenz zum Aufbau des Buches. Es besteht aus drei Teilen…

Zu Anfang gibt es eine bündige Einleitung von Anne Fadiman, die einst Marina Keegans Dozentin in Yale war. Sie gewährt uns eine Einblick in ihre Erinnerungen an Marina, wie sie war, was sie wollte und was sie antrieb. Man darf Marina und ihren Charakter durch die Augen einer anderen Person kennenlernen und bekommt dadurch vielleicht auch einen andere Blick auf die nachstehenden Texte.

Es folgt ihre Abschlussrede von Yale, die den Titel „Das Gegenteil von Einsamkeit“ trägt und im Titel des Buches aufgegriffen wurde. Sie erinnert den ein oder anderen sicherlich an manch einen amerikanischen Film, wenn am Ende die obligatorische Rede gehalten wird und die Absolventenkappen durch die Luft fliegen…

„Bewegen wir etwas in der Welt.“ (S. 31)

Umso trauriger liest sich natürlich dieser Text, mit dem Blick auf das Schicksal der Rednerin, die kaum Zeit hatte, etwas in der Welt zu bewegen. Aber mit diesem Buch hat sie (wie von ihr gewünscht) ihre Fußabdrücke hinterlassen.

Es folgen insgesamt 9 Stories mit unterschiedlichen Themen:

Kalte Idylle. Diese Kurzgeschichte hat mir am Besten gefallen. Sie handelt von einer jungen Studentin, die über den Tod ihres Kommilitonen trauert. Sie haben sich gemocht, doch dass was zwischen ihnen war, wagten sie noch nicht zu bezeichnen. Hier geht es um Schmerz, Trauer, Wut und ein Tagebuch, welches die Wahrheit offenbart. Man leidet mit Claire und wird von dem eindringlichen melodischen Schreibstil vereinnahmt. Hier wird nichts romantisiert oder beschönigt.

Winterferien. Eine Studentin ist frisch und glücklich verliebt. Sie genießt die gemeinsame Zeit mit ihrem Freund, doch sieht gleichzeitig auch den Verfall ihrer Familie beobachtet, verdrängt und sieht dennoch in welches Unglück sich Liebe verrennen kann.

Vorlesen. Diese Stories hat mich kurzzeitig an „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink erinnert. Eine ältere Frau, die in ihrer Ehe unglücklich ist, liest einem blinden jungen Mann vor und entdeckt dabei ihre Lust und Leidenschaft wieder. Diese Kurzgeschichte hat mir weniger gut gefallen, vielleicht weil sie in einem starken Kontrast zu den zwei vorherigen Stories steht.

Die Naive. Ein Paar, welche sich aufgrund der Ferne auseinandergelebt hat. Stoisch, frustriertes Verhalten führt zu einer Abneigung und ein Spiel offenbart eine Lüge und den wahren Charakter der Person, die man dachte zu kennen. Auch diese Geschichte hat mir gut gefallen, auch wenn das Ende bei mir Fragen aufgeworfen hat.

Des Weiteren gibt es eine Kurzgeschichte, die allein aus E-Mails aufgebaut ist und ein aktuelles Thema aufgreift. Auch eine weihnachtliche Kurzgeschichte ist vorhanden.

Marina Keegan schafft es die Gefühle ihrer Charaktere auf den Leser zu übertragen und das ist wirklich eine Kunst. Schließlich sind die Geschichten immer nur wenige Seiten lang. Ich war beim lesen traurig, müde, frustriert, verwirrt und berührt.
Zwar hat mich nicht jede der Stories zu 100% überzeugen können, aber ich wurde gut unterhalten und wenn man die Einleitung im Hinterkopf behält, weiß man, dass die Autorin selbst sicherlich noch den ein oder anderen Satz verändert hätte…

Zuletzt folgen 8 Essays, die von …

  • der Liebe zum ersten Auto (super unterhaltsam und amüsant zu lesen!)
  • gestrandete Wale und unsere Empfindungen dabei
  • Glutenunverträglichkeit und daraus resultierenden Einschränkungen
  • unserer Erde, Planeten und der Raumfahrt
  • einem Kammerjäger den die Gesellschaft braucht, aber meidet
  • die vermehrten Anwerbung von Studenten in den Consulting- und Finanzsektor
  • dem Fremdsein in der Ferne
  • der Sehnsucht danach, seine Fußspuren zu hinterlassen

… handeln.

Man kann dieses Buch häppchenweise genießen oder (wie ich) an nur einem Tag verschlingen. Mir hat diese Sammlung von unterschiedlichen Texten gut gefallen und ich habe mich machmal in meinen „Kreatives Schreiben“-Kurs an der Uni zurückversetzt gefühlt.
Natürlich kann nicht jede Store überzeugen, denn die Autorin war noch jung, stand am Anfang ihrer literarischen Karriere. Doch ihre eindringliche Erzählerstimme und die dadurch entstehenden Bilder haben mich von Anfang an erreicht und das gesamte Buch hat mich auch zum nachdenken gebracht.

Von mir gibt es vier Papierblumen.NurEinBuchIButtonVERLAGSSEITE

 

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Bonny
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