Umwoben von der Vergangenheit

Zu lieben bedeutet zu fürchten. Du ängstigst dich, bist starr vor Sorgen, dass denen, die du liebst, etwas zustoßen könnte. Denk nur an die Möglichkeiten. Zieht sich dein Herz mit jedem Schlag zusammen? Das, mein Freund, ist Liebe. Sie macht uns alle zu Sklaven, denn es gibt keine Liebe ohne Furcht. – Private Ansichten über die Liebschaften dreier Könige von Baronin Sammarco“ (S.295)

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Vor einigen Jahren brach eine schreckliche Krankheit aus. Viele der Kinder, die die Krankheit überlebten, sind für ihr Leben gezeichnet und werden von der Gesellschaft verstoßen.
Auch das schwarze Haar von Adelina Amouteru, der Tochter eines reichen Kaufmanns, verfärbt sich in der Nacht plötzlich silbern. Und so ist auch sie gezeichnet.
Aber das Blutfieber hat ihr nicht nur eine strahlende Zukunft genommen, sondern auch übernatürliche Kräfte verliehen. Und Adelina ist nicht die Einzige.
Die Gemeinschaft der Dolche wird vom König gejagt und gefürchtet, denn mit ihren unerklärlichen Fähigkeiten sind sie imstande, ihn vom Thron zu stürzen. Doch dazu benötigen sie Adelinas Hilfe…

Mit Spannung habe ich auf die neue Reihe von Marie Lu („Legend“-Trilogie) gewartet und wurde nicht enttäuscht. Wenn man in „Young Elites – Die Gemeinschaft der Dolche“ etwas findet, dann ist das auf jeden Fall Spannung, verbunden mit einem ereignisreichen Handlungsverlauf, der einen in den richtigen Momenten fesselt, schockiert, aber auch gleichzeitig verärgert, da man durchaus in einigen Lesemomenten die Entscheidungen der Protagonistin kritisieren möchte.

Insbesondere die ersten hundert Seiten konnten mich begeistern. In einem mitreißendem Handlungsaufbau erfahren wir einiges von Adelina Amouteru, der Protagonistin dieses (Fantasie-) Jugendromans. Aber der Leser erhält nicht nur Informationen über ihre persönliche Vergangenheit, sondern ebenso einen Zugang zu der hier von Marie Lu neu konstruierten Welt.
Zusammen mit Adelina befindet man sich in den Seelanden, im Südosten von Kenettra. Visuell unterstützt wird dies durch eine im Buch enthaltende geografische Karte, die ich für die Verortung der Handlung durchaus hilfreich empfand.

Adelina Amouteru ist eine ungeschliffene Protagonistin, die sowohl äußerlich, als auch innerlich „gezeichnet“ ist. Sie und ihre Schwester erkrankten einst am Blutfieber, welches nur Kinder überlebten. Während ihre Schwester unbeschadet genesen konnte, verfärbte sich Adelinas Haar über Nacht. Ein Zeichen, welches für jeden sichtbar ist und durch welches sie von der Gesellschaft abwertend behandelt wird.
Ihre Schwester ist ihr der wohl wichtigste Mensch, doch ebenso ist Adelina von Neid und Eifersucht befallen, wenn sie diese im Umgang mit ihrem Vater betrachtet. Während sie auf Händen getragen wird, schlägt Adelina der tägliche Hass ihres Vaters entgegen.
Für das Verständnis von ihrem Charakter ist dieser Blick auf die Ereignisse der Vergangenheit gelungen und keineswegs langatmig, sondern Marie Lu hat diese Rückblicke interessant in den Handlungsverlauf eingeflochten.

Ebenso spannend gestaltet sich die Entdeckung der Strukturen in der Gemeinschaft der Dolche. Wie bereits erwähnt sind einige der Kinder, die das Blutfieber überlebten gezeichnet und werden als „Malfettos“ bezeichnet. Einige von ihnen besitzen darüber hinaus aber auch übernatürliche Fähigkeiten und haben sich zu einer Gemeinschaft zusammengeschlossen, die ein bestimmtes Ziel verfolgt.

„Die Dolche hatten nach dem Blutfieber weitaus tiefere Narben davongetragen als ich – furchterregende Kräfte, die nicht von dieser Welt waren. […] Es hieß, dass sie aus dem Nichts Feuer heraufbeschwören konnten. Den Wind beherrschen. Wilde Tiere zähmen. Unsichtbar werden. Mit einem einzigen Blick töten.“ (S. 16)

Allen voran Enzo und Raffaele. Beide ebenso interessante Charaktere, mit unterschiedlichen Geschichten, die ebenfalls genügend Zündstoff für den Handlungsverlauf liefern. Einige Kapitel sind sowohl aus Adelinas, als auch aus Enzos und Raffaeles Sicht geschrieben. Es taucht aber auch noch ein vierter Charakter auf: Teren Santoro. Er ist der Anführer der Inquisition des Königs, die aktiv gegen die Dolche vorgeht.
Diese verschiedenen Perspektiven ergänzen sich gegenseitig und liefern einen guten Rundblick auf die Handlung. Ebenso gerät der Leser hierdurch in eine verzwickte Lage. Man kann sich nicht sicher sein: Wer verfolgt hier gute Absichten und wer agiert böse? Wem kann Adelina vertrauen? Die Grenzen verschwimmen und Marie Lu spielt hier gelungen mit diesem Muster.

Der Schreibstil der Autorin hat mir erneut gut gefallen. Zu Anfang war er mir persönlich noch etwas verschnörkelt…

„Der Duft der Blumen erfüllt meine Gedanken mit seiner schweren Süße.“ (S.54)

doch derartige Stellen verlieren sich über die Seiten hinweg und erdrücken keinesfalls den Lesegenuss.

Ebenfalls beschreibt sie zu Beginn der Handlung die Welt in der sich Adelina bewegt wirklich gut. Aber diesen Punkt verliert Marie Lu irgendwann aus den Augen.
Die Handlung, um Adelina und die Dolche, steht dominant im Vordergrund (was natürlich nicht unbedingt schlecht ist), so dass die hier entworfene Welt nur noch als ein Schatten wahrgenommen wird. Dennoch hat mir die Atmosphäre und die Schauplätze – welche an ein Italien zur Zeit der Renaissance erinnern – gut gefallen. Aber die Autorin verschenkt hier ebenso Potenzial.

Eine besonders wichtige Rolle spielt in diesem Buch die Gefühlswelt der Protagonistin. Wie sieht es in ihrem Verstand aus? Um Adelina und ihre Handlungen nachzuvollziehen hat Marie Lu sich daher an einer personalen Ich-Erzählerstimme bedient.

„Mein Stolz beginnt sich zu regen, verdrängt meine Trauer, verschmilzt mit meiner Wut, meinem Hass und meiner Angst, meiner Leidenschaft und meiner Neugier. Die flüsternden Stimmen, die knapp außerhalb meiner Reichweite lauern, schlängeln sich an die Oberfläche und recken ihre langen, knochigen Finger gierig nach der Freiheit […].“ (S. 390)

Der Leser taucht hierdurch tief in ihre emotionale Welt ein und versucht dadurch ihre Handlungen nachzuvollziehen. Was nicht immer gelingt…
Zwischendurch flackern ebenso Beschreibungen von ihrem Vater auf und dieser Punkt hat mich persönlich irgendwann gestört. Zwar ist das einweben der Ereignisse aus der Vergangenheit durchaus gelungen, doch ein aus dem nichts aufflackernder Vater in ihrer Gedankenwelt hat mich zunehmend irritiert und an meiner Konzentration genagt. Irgendwann wurde es mir zu viel und ich war genervt von dieser Überlagerung.

Wer ist Freund? Wer ist der Feind? Welchen Charakteren kann man trauen?
Mit diesen Fragen spielt Marie Lu gekonnt und ebenso entdeckt man in der Protagonistin bösartige Züge und misstraut auch ihr. Einige ihrer Entscheidungen lassen sich diskutieren und wühlen den Leser durchaus auch auf. Dies trägt aber auch zu einem spannenden Handlungsverlauf bei, der gerade zu Beginn eine Hochphase erlebt, sich dann jedoch ein wenig verläuft. Die Handlung kommt dennoch nicht entgültig zum Stillstand, sondern auf den letzen Seiten wird man erneut gepackt und dabei kräftig durchgeschüttelt.
Doch weil ich mich mit einigen Punkten in dem Buch nicht anfreunden konnte und einige Schwachstellen entdeckt habe, bekommt „Young Elites – Die Gemeinschaft der Dolche“ von mir 3,5 Papierblumen.  NurEinBuchIButtonVERLAGSSEITE

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Bonny
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2 Gedanken zu “Umwoben von der Vergangenheit

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