Mörder im Gepäck!

schnick-schnack-totKiki, das vermeintlich beliebteste Mädchen der Schule wird während der Klassenfahrt an die Nordsee tot aufgefunden. Schnell steht fest, dass ein Mörder hier sein Unwesen treibt! Leider sitzen die Schüler und die Lehrer nun auf der Insel fest und müssen warten, bis das Wetter sich beruhigt hat um wieder nach Amsterdam zurückkehren zu können … Doch auch der Mörder befindet sich unter ihnen und ist bereit, über Leichen zu gehen um seine Identität zu schützen! Wird es weitere Opfer geben?

Mel Wallis de Vries hat mit diesem Buch einen durchaus spannenden Krimi für Jugendliche geschrieben, auch wenn er für mich als Erwachsene etwas zu seicht war. Ihr Schreibstil ist angenehm zu lesen und sprachlich an die Zielgruppe angepasst. Auch der Aufbau des Buches ist sehr gut für junge Leser geeignet, da er eine starke Struktur vorgibt und somit die Handlung fest verankert. Nur die Wahl des Titels kann ich ehrlich gesagt nicht nachvollziehen, da ich den Bezug zum Inhalt nicht erkennen kann.

Die Insel Vlieland wird sehr anschaulich beschrieben, so dass man das Gefühl hat, sich mitten auf der Insel zu befinden. Auch die einzelnen Charaktere sind schön herausgearbeitet und man lernt vereinzelte Schüler recht gut kennen.

Die Handlung wird aus vielen verschiedenen Perspektiven erzählt und schon bald wird klar, dass eigentlich ziemlich viele Personen als verdächtig eingestuft werden müssen. Denn Kiki war im Endeffekt eher gefürchtet als beliebt und hat sehr viele Leute mit ihrer Art und Weise vor den Kopf gestoßen. So finden sich sehr viele Tatmotive und der ermittelnde Polizist droht auf den Holzweg zu geraten. Diese wechselnden Erzählperspektiven haben den Nebeneffekt, dass man sich leider nicht wirklich mit einer Person identifizieren kann, es gibt keinen richtigen Protagonisten, sondern eher mehrere, gleichgestellte Nebenfiguren die die Handlung gemeinschaftlich vorantreiben.

Bis zum Schluss wusste ich nicht, wer der Täter sein könnte, denn es gab einfach zu viele Möglichkeiten. Dies hält natürlich die Spannung hoch und lässt dem Leser die Möglichkeit, mitzufiebern. Dennoch ist die Auflösung logisch und in sich abgeschlossen.

Insgesamt ist dies ein toller Einsteiger-Krimi für Jugendliche, die dieses Genre einmal ausprobieren wollen. Das Buch ist spannend und angenehm geschrieben, bleibt aber inhaltlich jugendgerecht.

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Christine

 

In der Hoffnung auf eine bessere Zukunft …

kein-weg-zu-weitAzmera lebt einigermaßen glücklich mit ihrer Familie in Eritrea, bis ihr Vater eines Tages inhaftiert und gefoltert wird. Denn er wurde zu einem Gegner des Regimes erklärt und von nun an ändert sich das Leben der Familie von Grund auf! Als ihr Vater aus der Haft entlassen wird, muss er Hals über Kopf aus dem Land flüchten und erhält schließlich Asyl in Schweden. Doch Azmeras Familie bleibt weiterhin im Visier des Militärs und so entschließt die Siebzehnjährige sich schließlich zu einem sehr gewagten Schritt: Sie will die Flucht nach Europa wagen, um dort mit ihrem Vater leben zu können. Ganz alleine tritt das junge Mädchen also nun diese gefährliche Reise an …

Brigitte Blobel befasst sich in ihrem Jugendbuch „Kein Weg zu weit“ mit einem sehr aktuellen Thema und erzählt die Geschichte ausschließlich aus Sicht der jungen Azmera. Dieses Buch hat mich sehr bewegt und zeigt, welche Gefahren manche Menschen auf sich nehmen müssen, nur um in Frieden zu leben. Korrupte politische Systeme, Armut und willkürliche Gewalt gegen Oppositionelle und Kritiker sind die wohl häufigsten Ursachen, die Menschen zwingen, ihre geliebte Heimat zu verlassen.

„Ich habe gehört, die Gefängnisse sind alle voll“, sagt ein anderer. „Sie heben jetzt in der Wüste einfach Gruben aus und legen sie da rein.“

„Lebendig?“ fragt Assoud. Er wendet den Blick nicht von der Straße ab, aber Azmera sieht aus den Augenwinkeln, dass er sehr blass geworden ist.

„Ja, am Anfang schon, aber das dauert nicht lang.“ (S.20)

Diese an sich schon gefährliche Reise ist für Azmera umso brenzliger, da sie als Frau alleine reist. Denn die Stellung der Frau ist in Eritrea und in dessen Nachbarländern nicht besonders hoch angesehen und so muss sie sich auch an dieser Front durchsetzen.

„Die Männer denken, dass sie etwas Besseres sind und dass wir Frauen nur existieren, um ihnen zu dienen.“ (S.36)

Doch Azmera hat Glück im Unglück, denn immer wieder begegnet sie Menschen, die ihr helfen und sie beschützen so gut es geht. In Libyen gewährt eine muslimische Familie Azmera Unterschlupf und hilft ihr nach längerer Krankheit wieder auf die Beine. Die Gastfreundschaft und die Offenheit dieser Familie hat mich sehr beeindruckt und zeigt, dass die politischen und religiösen Probleme meistens nicht die gesamte Gesellschaft betreffen, sondern von Randgruppen aufgebauscht werden.

„Deine Sachen habe ich gewaschen und gebügelt“, sagt Fatima. „Keine Sorge, alles ist noch da. Du musst keine Angst haben. Bei uns bist du sicher. Wir sind Muslime. Wir tun nichts Böses.“ (S.56)

„Fatima ist voller Güte und so großzügig, obwohl sie selbst nicht viel hat. Sie sagt, der Koran verlange, dass man Bedürftigen hilft und die Kranken pflegt.“ (S. 60)

Die verschiedenen Schlepper sind mehr oder weniger menschlich dargestellt, mal abgesehen von jenem, der die Überfahrt über das Mittelmeer organisieren sollte. Dennoch gibt es so manche gefährlichen Momente auf der Reise, die unter anderem auf das Konto irgendwelcher Touareg, Rebellen oder Militärs gehen. Unterwegs muss Azmera aus organisatorischen Gründen eine neue Identität annehmen und wird zur Schwester eines anderen Flüchtlings. Dieser soll sie beschützen und ihr helfen, nach Europa zu kommen. Diese neue Identität trägt dazu bei, dass Azmera immer mehr das Gefühl hat, sich zu verlieren.

„Aber sie ist ja nicht mehr Azmera. Ihre eigene Geschichte gibt es nicht mehr.“ (S. 200)

 Immer wieder kommen Azmera Zweifel an ihrem Unterfangen, doch für ihre Familie möchte sie stark sein. Auf ihrer Reise begegnet sie sehr vielen, verschiedenen Menschen die alle nur ein Ziel haben: Raus aus ihrer Heimat in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Die meisten von ihnen wollen nach Europa…

Der alte Mann, der ihr gegenübersitzt, lacht auf. „Alle wollen nach Europa. Glaubst du Europa will dich auch?“ (S.73)

„Europa scheißt auf euch. Weißt du das nicht? Europa macht seine Grenzen dicht, sie lassen keine Flüchtlinge mehr durch. Wenn sie euch erwischen, schicken sie euch sofort wieder zurück.“ (S.100)

„In Europa braucht ihr auch keine Angst mehr vor den Polizisten zu haben. Alle werden euch helfen, niemand wird für seine Hilfe ein Bakschisch von euch erwarten. Sogar die Fischer werfen lieber ihren Fang über Bord, als euch ertrinken zu lassen. Ich habe es mit eigenen Augen im Fernsehen gesehen.“ (S. 206)

Wie groß muss die Ernüchterung jener Menschen sein, wenn sie nach dieser so riskanten Flucht in Europa ankommen und merken, dass sie leider noch lange nicht überall mit offenen Armen empfangen werden? Dass man sie als Problem empfindet, das man irgendwie lösen muss? Dass man sie wieder nicht als gleichwertige Menschen ansieht, sondern ihnen schon vor ihrer Einreise einen Stempel aufdrückt?

Dieses Buch ist ein Plädoyer für Offenheit, Toleranz und Menschlichkeit. Niemand hat Einfluss darauf, wo er geboren wird, die Herkunft macht keinen Menschen zu etwas Besserem oder etwas „Schlechterem“. Leider gibt es verstärkt Kräfte, die sehr gefährliche Parolen in die Welt setzen und die Menschen in Europa gegen die Flüchtlinge aufhetzen wollen. Unglücklicherweise sind sie dabei zum Teil erfolgreich …

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Christine

 

 

Wie man unsterblich wird …

wie-man-unsterblich-wirdFünf Tatsachen über mich:

  1. Ich heiße Sam.
  2. Ich bin elf Jahre alt.
  3. Ich sammle Geschichten und interessante Tatsachen.
  4. Ich habe Leukämie.
  5. Wenn du das hier liest, bin ich wahrscheinlich tot. (S.11)

Sam weiß, dass er bald sterben wird. Denn der Elfjährige leidet unter Leukämie und für ihn besteht keine Hoffnung mehr. Gemeinsam mit seinem besten Freund und Leidensgenossen Felix versucht er, trotz seines schrecklichen Schicksals eine gewisse Form des Alltags zu wahren und dem Leben so viele positive Momente wie möglich abzuluchsen. Sams Zeit auf Erden ist stark begrenzt, doch er versucht, sie so gut wie möglich zu nutzen.

„Ein ganzes Jahr oder auch länger können Menschen damit leben. Bei mir sind es schon vier Monate. Ein Jahr ist eine lange Zeit. In einem Jahr kann wer weiß was passieren.“ (S.64)

Gemeinsam erhalten die beiden Jungs Hausunterricht und sie stellen so manchen Unfug an. Zudem hat Sam begonnen, an einem Buch über sein Leben zu schreiben, unter anderem in Form von Listen. Denn trotz seiner Krankheit, will der tapfere Junge sein Leben genießen …

Sally Nicholls hat mich mit ihrer Erzählung tief berührt. Ich mag es mir gar nicht vorstellen, dass derart junge Kinder sich so intensiv mit dem Thema Sterben auseinandersetzen müssen. Das todtraurige Buch hinterlässt wohl bei jedem Leser tiefe Spuren und dennoch vermittelt es eine sehr intensive Lebensfreude und viel Energie. Dies wird noch dadurch unterstützt, dass Sam seine Leser direkt anspricht. Daher fühlt man sich ihm sehr verbunden und wird noch enger in das Geschehen mit eingebunden.

Der Umgang in der Familie ist liebvoll, doch jeder leidet unter Sams Krankheit, nicht nur der Patient selbst.

„Ich hasse es“, sagte ich. Ganz hoch und dünn kamen die Worte heraus und die Schluchzer schüttelten mich. „Ich hasse es, ich hasse es.“
Mum nickte. Ihr Gesicht glänzte von den Tränen. „Ich auch“, sagte sie. „Ach, mein Herz, ich auch.“ (S.119)

„Du musst tun, was ich will“, sagte ich wütend. „Alle müsst ihr das. Weil ich nämlich sterbe, und dann tut es euch leid.“ Mum saß völlig still und presste die Lippen zusammen. Einen Augenblick lang rührte sich keiner von uns. Dann wandte sie sich ab und rannte aus dem Zimmer. „(S.125)

Natürlich weiß Sam, wie unfair solche Aussagen sind. Doch er trifft damit voll ins Schwarze und es ist verständlich, dass ein Kind in seiner Lage auch einmal die Nerven verliert. Dass dies für die ganze Familie eine sehr schwierige Situation ist, steht außer Frage, und nicht jeder kann damit umgehen. Sams Vater versucht sich vollkommen abzuschotten und ist sehr still, dennoch tut er alles um seinem todgeweihten Sohn seine letzten Wünsche zu erfüllen.

Sam ist ein sehr sensibler Junge und macht sich Gedanken darüber, welche Spuren er bei seinen engsten Freunden hinterlässt. Er will nicht, dass sie nach seinem Tod leiden, sondern möchte, dass sie sich mit viel Freude an ihn erinnern. Daher plant er auch eine Überraschung …

„Ich wollte Geschenke für sie haben, die sie immer an mich erinnern würden. Ich meine, Granny hat viele Fotos von mir, das weiß ich, aber Annie und Mrs. Willis haben ja keine.“ (S.186)

„Ich finde eine Beerdigung sollte lustig sein. Keiner soll schwarz tragen. Ihr sollt lustige Geschichten von mir erzählen, keine traurigen.“ (S.196)

„Ihr dürft traurig sein, aber nicht zu traurig. Wenn ihr immer traurig seid, wenn ihr an mich denkt, wie könnt ihr euch dann an mich erinnern?“ (S.196)

Ich glaube, diese Worte sprechen für sich.NurEinBuchIButtonVERLAGSSEITE

Ich vergebe 5 Papierblumen.

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Christine

Übrigens:

Unter der Regie des Spaniers Gustavo Ron wurde „Wie man unsterblich wird“ verfilmt. Die Rolle des kranken Sam spielt der britische Nachwuchsschauspieler Robbie Kay. Die offizielle Premiere des Filmes, der auf Deutsch unter dem Titel „Ways to live Forever – Die Seele stirbt nie“ läuft,  fand 2010 auf dem Filmfestival in Cannes statt.

Unerwartet dramatisch!

cacheLeyla und Max sind ein Vorzeigepaar … eigentlich! Denn Leyla fühlt sich vernachlässigt und distanziert sich zusehends von Max. Diese Entwicklung wird vor allem durch RED beschleunigt, der Abenteuer und Nervenkitzel in Leylas Leben bringt. Denn RED liebt die aufregendsten Caches und führt Leyla und Max in diese Welt ein. Dabei flirtet er sehr offensiv mit Leyla, die schon bald zwischen den Stühlen steht … Wie wird sie sich entscheiden?

Cache gehört eigentlich so gar nicht zu dem Genre Buch, das ich gerne lese. Da mir das Buch aber empfohlen wurde, habe ich es dennoch gelesen und ich bin sehr positiv überrascht. Denn Marlene Röder treibt die Handlung in einer gekonnten, leichten Sprache voran und driftet auch nicht zu sehr in das Schnulzige ab. Ihre teils metaphorische Sprache passte ausgezeichnet zu der Handlung und so ist ihr ein spannender Jugendroman gelungen.

Das Thema Geocaching wird sehr anschaulich beschrieben und auch für Laien erklärt, sodass man sich sehr leicht mit den verschiedenen Begriffen zurechtfindet. Wieder einmal habe ich beschlossen, dass ich unbedingt so ein GPS-Gerät brauche um auch Caches bestreiten zu können. Denn eine Schnitzeljagd für Erwachsene würde mir sicherlich einen Riesenspaß bereiten!

Die Personen sind sehr ambivalent gezeichnet und nicht immer sympathisch. Vor allem Leyla erschien mir sehr naiv, da sie sich von Anfang an von RED hat einlullen lassen. Sie fühlte sich vom Abenteuer, von dem Neuen angezogen und vernachlässigte dafür das Gewohnte. Auch Max, der ein bisschen steif ist und seine Gefühle so schlecht ausdrücken kann, handelt nicht immer sympathisch, doch stets nachvollziehbar. Obwohl die beiden sicherlich niemanden bewusst verletzen wollen, stehen sie am Ende beide als Verlierer da und tun mir ehrlich leid.

Etwas anders stehe ich zu RED. Ich fand ihn von Anfang an sehr überdreht und unbeständig, keines Falls also eine Person, der man Vertrauen schenkt. Natürlich ist er mysteriös und verspricht ein Abenteuer nach dem nächsten, doch seine Geheimnistuerei war mir sofort suspekt. Er war mir also schon zu Beginn unsympathisch und dies änderte sich nicht. Ich will hier aber nicht zu viel verraten, daher halte ich mich bei RED lieber zurück…

Die Handlung an sich war gut durchdacht und wird abwechselnd aus Leylas und aus Max‘ Perspektive erzählt. Zeitsprünge treiben das Geschehen voran, liefern Erklärungen und erhöhen die Spannung. Dennoch war ich auf den Schluss nicht vorbereitet und daher hat das Ende mich wirklich aus den Socken gehauen. Das hätte ich so nicht erwartet und ich bin immer noch fassungslos und erstaunt zugleich.

Cache ist ein spannendes Jugendbuch rund um die Themen Liebe und Herzschmerz, aufgrund des Schlusses allerdings auch ziemlich dramatisch.

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Christine

Leise Töne, immense Wirkung

der-junge-im-gestreiften-pyjama

Der neunjährige Bruno lebt mit seiner Familie in Berlin. Doch eines Tages wird Brunos Vater, wichtiger Vertrauter des Führers, nach Ausschwitz versetzt und seine Familie muss mit ihm dorthin ziehen. Für Bruno bricht eine Welt zusammen, muss er doch nun seine Freunde und das wunderbare Haus zurücklassen. In Ausschwitz angekommen verstärkt sich Brunos Enttäuschung nur noch und er möchte am liebsten zurück nach Berlin. Denn in seiner neuen Heimat ist alles trostlos und der leidenschaftliche Hobbyforscher langweilt sich zu Tode, bis er schließlich den Jungen am Zaun entdeckt …

John Boynes Erzählung geht einem wirklich an die Nieren und lässt keinen Leser kalt. Dabei bleibt der Erzählungsstil oft sehr vage und kindlich, da die Handlung ausschließlich aus Brunos Sicht erzählt wird. Dennoch ist dieses Buch meiner Ansicht nach, nicht nur für jugendliche Leser geeignet, sondern zieht auch Erwachsene in ihren Bann.

Es fiel mir sehr leicht den jungen, sehr naiven Bruno zu mögen. Er ist ein sorgloses, unbeschwertes Kind das gerne forscht und mit seinen Freunden spielt. Die schrecklichen Geschehnisse während des Zweiten Weltkrieges rauschen beinahe unbemerkt an ihm vorbei, obwohl sein Vater ein ranghoher Nazi ist und vor seinen Augen das KZ Auschwitz leitet. Brunos kindliche Naivität wird durch das Verhalten seiner Eltern und seiner Umgebung geschürt, da niemand mit dem Jungen über das Vorgehen in Auschwitz spricht. Er glaubt an seinen Vater und bewundert dessen prächtige Uniform, da er überzeugt davon ist, dass sein Vater Gutes tut.

„Heil Hitler“, sagte er, was, wie er annahm, eine andere Möglichkeit war zu sagen: Na dann, auf Wiedersehen und einen schönen Nachmittag.“ (S.71)

Unbewusst spürt Bruno sehr wohl, dass hier irgendetwas nicht stimmt, denn immer wieder drängt er auf die Heimkehr nach Berlin. Er will an diesem trostlosen Ort nicht bleiben, denn er findet keinen Spielkameraden und er vermisst das lockere, schöne Leben in seiner alten Heimat. Er erinnert sich gerne an seine Omo väterlicherseits, die sich offen gegen die Ansichten ihres eigenen Sohnes stellt. Sie lässt sich nicht von der schönen, prachtvollen Uniform blenden, sondern sieht die Grausamkeiten, für die diese steht.

„Ich weiß nicht –  habe ich an dem Punkt vielleicht einen Fehler bei dir gemacht, Ralf?“, fragte sie. „Ich frage mich, ob dich die vielen Auftritte, zu denen ich dich als Junge gedrängt habe, so weit gebracht haben. Dass du dich anziehst wie eine Marionette.“ (S.115)

Nur einmal spricht Bruno mit seinem Vater über die Häftlinge des KZ, doch er kann mit dessen Antworten nichts anfangen und versteht sie nicht.

„Die Leute, die ich von meinem Fenster aus sehe. Die in den Baracken, in der Ferne. Sie sind alle gleich angezogen.“

„Ach, die“, sagte Vater. Er nickte und lächelte leicht. „Das … na ja, das sind eigentlich gar keine Menschen, Bruno.“ (S.69)

Natürlich kann ein neunjähriger, noch dazu recht naiver Junge mit einer solchen Aussage nichts anfangen und die Strenge seines Vaters verbietet auch die Nachfrage. Dies weckt einerseits nicht nur Brunos Neugier, sondern verhindert auch, dass er sich von der Nazi-Mentalität seines Vaters anstecken lässt. Er wundert sich über die ganze Situation, begegnet aber jedem mit Respekt und einer kindlichen Neugier.

Auf einem seiner Streifzüge begegnet Bruno schließlich Schmuel, der auf der anderen Seite des Zaunes lebt. Schnell freunden die beiden Jungen sich an, auch wenn ihr Schicksal kaum weniger Gemeinsamkeiten aufzeigen könnte. Denn Schmuel ist Häftling des Konzentrationslagers und muss dort um sein Leben kämpfen. Die beiden Jungen verstehen sich blendend und sehen sich täglich am Zaun, wenn das Wetter es ihnen ermöglicht. Außerdem bringt Bruno Schmuel Essen mit, da sein Freund sehr hungrig und dünn ist.

Dennoch bröckelt Brunos Naivität auch während den Gesprächen mit Schmuel nicht. Während Schmuel immer wieder auf die Grausamkeiten seines Lebens hindeutet, verweist Bruno auf Streitigkeiten mit seiner Schwester, als ob dies ein passender Vergleich wäre. Brunos Leichtgläubigkeit und Unwissenheit rührte mich fast zu Tränen, obwohl ich mir eigentlich nicht vorstellen konnte, dass die Geschehnisse um ihn herum derart spurlos an ihm vorbeigehen konnten.

Oft habe ich mich gefragt, ob Brunos Tod als Strafe für die Handlungen des Vaters gedacht war. Die Maschinerie des Todes, die der Vater entwickelt hat, wird schließlich seinem eigenen Sohn zur Falle und somit tötet er sein eigen Fleisch und Blut. Dennoch kann ich mit dem Vater kein Mitleid verspüren, genauso wenig, wie er es für die vielen Insassen des KZ empfand. Bruno und Schmuel fielen, wie so viele andere, einer grausamen und kranken Mentalität zum Opfer und ihr sinnloser Tod bezeugt die Abgründe der menschlichen Seele.

Dieses Buch entfaltet, trotz einer beinahe ruhigen, stillen Atmosphäre, eine enorme Wirkung. Absolute Leseempfehlung!

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Christine

 

Glück und Glas, wie leicht das bricht!

glaskinderNach dem Tod ihres Vaters zieht Billie mit ihrer Mutter in deren Heimatdorf. Alles in Billie sträubt sich gegen diesen Umzug, da sie ihre Freundinnen nicht verlassen will. Das alte, heruntergekommen Haus, das ab sofort ihr Zuhause werden soll, treibt ihre Laune zusätzlich in den Keller. Billie findet das Haus gruselig und fürchtet sich davor. Und sie scheint Recht zu behalten, denn schon nach kurzer Zeit gehen seltsame Dinge in diesem Haus vor. Wohnen Billie und ihre Mutter in einem Geisterhaus? Gemeinsam mit ihren Freunden Aladdin und Simona geht Billie dem Spuk auf den Grund …

Nachdem ich Kristina Ohlssons Erwachsenenbücher verschlungen habe, war ich sehr gespannt auf diesen Jugendthriller. Gleich vorweg kann ich sagen, dass dieses Buch alle meine Erwartungen erfüllt hat und sich meiner Meinung nach ausgezeichnet für Kinder im Alter von 10 – 12 Jahren eignet. Die Sprache ist fesselnd, aber dem Alter angepasst und zieht die Kinder bestimmt in ihren Bann. Die Geschichte schwankt zwischen Spannung und Gruselfaktor und spricht die jungen Leser sicherlich an. Natürlich darf man hier nicht den Tiefgang eines Thrillers für Erwachsene erwarten, da die Kinder dies nicht verstehen würden.

Die Protagonistin Billie macht es den Kindern einfach, sich mit ihr zu identifizieren und ist sehr sympathisch. Auch die Jungs werden von der abenteuerlustigen Billie durchaus angetan sein und dieses Buch mögen. Ihre Überlegungen und Taten sind sehr leicht nachvollziehbar und helfen den jungen Lesern, sich in das Buch einzufinden. Auch die Freunde Aladdin und Simona werden sympathisch und freundlich dargestellt und treiben das Geschehen voran. Natürlich fehlt es den Figuren aus Erwachsenensicht an Charaktertiefe, aber das Buch und die Protagonisten sollen für die Kinder erreichbar bleiben.

Die Handlung an sich hat mich überzeugt. Obwohl die drei Freunde eigentlich nicht an Geister glauben, kommen ihnen aufgrund des Geschehenen doch Zweifel. Die Suche nach der Vergangenheit des Hauses ist spannend und fesselt den Leser. Denn dieses Haus hat keine alltägliche Geschichte und die einzelnen Schicksale sind sehr ergreifend. Vor allem die Erkenntnisse rund um die Glaskinder haben nicht nur Billie und Co. berührt, sondern auch mich.

Natürlich weiß man als erwachsener Leser eher, was oder wer hinter diesem Spuk steckt, doch ich glaube nicht, dass Kindern diese Lösung auch ins Auge gesprungen wäre. Dank ihrer Fantasie lassen sie sich viel eher auf die Gespenster-Lösung ein, die wir Erwachsenen nicht mehr so leicht schlucken und die auch gar nicht zu Kristina Ohlsson passen würde.

Insgesamt ein toller Thriller für Kinder, der sich leicht und flüssig liest und die jungen Leser sicherlich in seinen Bann zieht. Dieses Buch bietet Gruselpotenzial und einigen Gesprächsstoff.

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Christine

Ein beeindruckender Kampf gegen einen unsichtbaren Gegner

krebsmeisterschaft-fur-anfangerMax ist 15, als er durch Zufall einen Knubbel am Schlüsselbein entdeckt. Sofort sucht er seinen Hausarzt auf und schon bald folgt das Entsetzen: Max hat Krebs!

„Ich sagte nichts und ich fragte nichts, und die neunzigprozentige Chance auf eine Heilung beeindruckte mich auch nicht. Dass man so ausradiert werden kann, als normaler Fünfzehnjähriger, dass man mit einer einzigen Diagnose mitten in einen Albtraum versetzt werden kann: Ich hatte es nicht gewusst. Aber ich sah, wie mir genau das passierte.“ (S.23)

Nun muss der Jugendliche mit einem Schlag erwachsen werden und seinen wohl schlimmsten Kampf durchstehen …

Der Schreibstil des Autorenduos ist sehr jugendlich, direkt und offen. Die Sprache ist flüssig und lässt sich sehr gut lesen. Interessant fand ich auch den Verzicht auf Einteilungen in Kapitel, dafür hat Max quasi zu sich selbst gesprochen und immer wieder Einwürfe und zusätzliche Erklärungen geliefert, die über die eigentliche Erzählung hinausgehen.

Max zeigt sich sehr kämpferisch im Umgang mit dem Krebs. Während der gesamten Therapie dachte er nicht einmal an den Tod, dieser war für ihn einfach keine Option. Die Schilderung der Krankheit ist sehr authentisch und zeigt, welchen Mut und welche Kraft Max aufbringt. Er kämpft den Kampf seines Lebens und vergleicht den Krebs mit einem Fußballspiel, das er unbedingt gewinnen muss.

„Wenn ich nur ins Spiel komme, dachte ich. Wenn ich nur eine Chance bekomme, zu kämpfen! Wann geht es los mit den ersten Medikamenten?“ (S.27)

Auch die Reaktionen und die Verzweiflung der Familie und der Freunde sind sehr glaubhaft dargestellt. Die gesamte Familie rückt enger beisammen, sie werden durch dieses schwere Schicksal zusammengeschweißt. Doch Max lässt sich von der verzweifelten Stimmung nicht anstecken, sondern bleibt kämpferisch.

„Selbst wenn ich es an euch weitergeben könnte, ich würde es nicht tun. Das hier ist mein Kampf, na los!“ (S.28)

„Das hier ist vielleicht mein bisher kränkstes Spiel, aber ihr wisst ja, ich bin ein unglaublich schlechter Verlierer. Das heißt, ich sterbe auf gar keinen Fall.“ (S.29)

Seine beiden kleinen Brüder helfen ihm zudem mit ihrer kindlichen Sicht, mit den Füßen auf dem Boden zu bleiben. Sie können die gesamte Tragweite der Erkrankung natürlich nicht erfassen und halten durch ihre Art und Wiese wenigstens ein kleines Stückchen Normalität in Max‘ Leben aufrecht.

Dennoch macht Max auch schwere Zeiten durch und natürlich verliert er manchmal die Fassung, aber wer könnte ihm das verübeln? Besonders die Nächte bereiten ihm Probleme, da er nun alleine ist und in seinen, nicht immer sehr optimistischen, Gedanken versinkt. Eigentlich weiß er, dass seine Überlebenschance sehr hoch ist, denn neunzig Prozent aller Kinder überwinden den Lymphdrüsenkrebs – zehn Prozent hingegen schaffen es leider nicht.

„Abends, in meinem erschöpften Kopf, wuchs diese Unglücksmarge, wenn ich nicht aufpasste, auf elf, zwölf, vierzig, siebenundsiebzig Prozent an. Abends fiel ich, wenn ich nicht aufpasste, von meinem Startblock herunter.“ (S. 31)

„Die Nacht und der Tod, sie ähneln sich.“ (S.50)

Als er wieder die Schule besucht, wird er sich zum ersten Mal so richtig bewusst, dass sein unbeschwertes, normales Teenagerleben vorbei ist. Denn aufgrund seiner Krankheit sticht er aus der Masse heraus und daran muss er sich erst einmal gewöhnen. Er kann nicht mehr zwischen all den Schülern untertauchen, jeder kennt ihn und starrt ihn an. Zum ersten Mal schämt Max sich für seine Krankheit.

„Es war, als wäre ich selbst schuld daran, als hätte ich den Krebs bekommen, weil ich eine wichtige Klassenarbeit in den Sand gesetzt, mir keine Mühe gegeben, meine Hausaufgaben in den Wassergraben fallen gelassen hätte.“ (S.42)

„Ich war ein seltenes Zootier.“ (S.42)

Trotz der Schmerzen und der Übelkeit merkt Max, wie sehr seine Krankheit auch den Rest der Familie belastet. Nicht nur er macht eine schwierige Zeit durch, auch seine Familie und sein engsten Freunde leiden mit und kämpfen an seiner Seite. Krebs hat man nie alleine, er betrifft die ganze Familie.

„Mein Krebs hat auch ihr Leben auseinandergenommen und danach wieder schief zusammenmontiert. Ich habe sie einen nach dem anderen angesteckt. Dieses Bobby-Syndrom gibt es also wirklich.“ (S.85)

Im Gegensatz zu vielen anderen Büchern zum Thema Krebs und Krankheit, endet dieses Buch nicht mit dem Sieg über die Krankheit oder dem Tod des Protagonisten. Max triumphiert über den Krebs und weist ihn in seine Schranken, doch damit ist es noch lange nicht vorbei. Denn Max verfällt in Angstzustände, die Angst vor dem Tod sucht ihn erst nach der Krankheit heim. Er fühlt sich schlapp und bildet sich ein, dass hinter jeder kleinen, harmlosen Erkrankung wieder der Krebs steckt. Er verfällt in regelrechte Depressionen, hat aber gleichzeitig das Gefühl, dass er seiner Familie und seinen Freunden damit zur Last fällt. Diese sind einfach nur froh, die Krankheit überwunden zu haben und wollen mit diesem Kapitel abschließen. Sie können sich verständlicherweise nicht in Max‘ Gefühlwelt hineinversetzen, der ja zum Teil auch selber weiß, wie irrational er sich benimmt. Doch die Angst hat ihn fest im Griff und er kann sich aus dieser Umklammerung nicht mehr lösen. Erst als er mit der Krankenhauspsychologin darüber redet und sich ihr ganz öffnet, stellt er fest, dass er nicht alleine mit seiner Angst dasteht und dass sie ihm helfen kann.

Diese psychischen Nachwirkungen einer Krebserkrankung waren mir bis dato überhaupt nicht bewusst und haben mich entsetzt. Denn nach überwundener Krankheit sollten die Jugendlichen ihr Leben genießen dürfen, ohne dass der Krebs weiterhin in ihrem Kopf herumspukt und ihr Denken beherrscht.

Das Buch basiert auf einer wahren Begebenheit, denn einer der Autoren, Roy Looman, erkrankte als Fünfzehnjähriger an Lymphdrüsenkrebs. Ich habe größten Respekt vor Roy Looman und ziehe den Hut vor seinem kämpferischen Umgang mit einer Krankheit, die schon so manchen Erwachsenen in die Verzweiflung trieb. Es ist seine Geschichte und sein Schicksal, das einen in diesem Buch berührt und dies gibt dem Buch eine ganz besondere Tiefe.

Dieses Buch drückt nicht auf die Tränendrüse sondern zeigt eine ganz neue Facette der Krankheit auf, die lange nach der letzten Chemotherapie beginnt. Es regt zum Nachdenken an, zeigt den Überlebenskampf eines jungen Menschen während, aber auch nach der Erkrankung und versprüht dennoch eine gehörige Portion Optimismus und Hoffnung. Absolute Leseempfehlung!

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Christine

Mädchen, die sich in Luft auflösen wollen

WintermädchenLia erfährt, dass ihre ehemals beste Freundin Cassie in einem ziemlich verlassenen Motel tot aufgefunden wurde. Allein. Was niemand weiß: Kurz vor ihrem Tod hat Cassie 33 Mal versucht, Lia telefonisch zu erreichen. Doch diese weigerte sich das Gespräch anzunehmen, da die beiden Mädchen in letzter Zeit keinen Kontakt mehr hatten. Dennoch sind sie untrennbar durch einen Pakt verbunden, da sie zusammen beschlossen haben, die schlanksten Mädchen der ganzen Schule zu sein. Der Druck, der durch dieses fragwürdige Ziel auf den beiden Mädchen lastet, treibt sie in die Fänge von Bulimie und Magersucht. Das Essen wird zum Feind und für Lia beginnt ein Kampf auf Leben und Tod, vor allem aber gegen sich selbst!

Laurie Halse Anderson bietet mit diesem Roman einen erschütternden Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt eines magersüchtigen Mädchens. Auf poetische, teils sogar märchenhafte Art und Weise schildert sie Lias Alltag und ihren täglichen Kampf mit dem Essen. Der Schreibstil der Autorin ist ausreichend detailliert, ohne sich jedoch in ausschweifenden Beschreibungen zu verlieren. Teilweise bringt sie die Dinge mit geradezu erschreckender Nüchternheit auf den Punkt.

Lia ist eine Gefangene ihres eigenen Körpers. Sie verspürt ein Hungergefühl, doch sie untersagt es sich strengstens, etwas zu essen. Denn sie fühlt sich dick, wertlos und unfähig.

„Ich kann weder schauspielern noch Fußballspielen und die meisten hier haben bessere Noten als ich. Aber ich bin das schlankste Mädchen hier, keine Frage.“ (S.94)

Gemeinsam mit ihrer besten Freundin Cassie schließt sie den Pakt, zu den dünnsten Mädchen der Schule zu werden. Während Cassie unter Bulimie leidet, rutscht Lia immer tiefer in die Magersucht. Die beiden Mädchen unterstützen sich in ihrem gefährlichen Vorhaben und gleiten dadurch immer tiefer ab. Als Cassie die Notbremse ziehen will, gibt Lia zwar vor, sie zu unterstützen, sabotiert aber gleichzeitig alle Anstrengungen ihrer Freundin mit fieses Psycho-Spielchen.

„Wir verwandelten uns in Wintermädchen, und als Cassie sich davonmachen wollte, zog ich sie in den Schnee zurück, weil ich Angst davor hatte, allein zu sein!“ (S.117)

Cassies Tod und die daraus resultierenden Schuldgefühl stürzen Lia in eine tiefe Krise. Doch sie weigert sich mit ihrer Familie oder ihrer Therapeutin darüber zu reden. Stattdessen spielt sie ihnen das heile Leben vor und täuscht und belügt sie, wo es nur geht. Ihr Körper schaltet auf Hungersnot um und ihr ist ständig kalt, da sie die eigene Körpertemperatur nicht selbständig halten kann. Doch ihr geschwächter Körper hat auch Auswirkungen auf ihre Psyche. So bildet Lia sich ein, Cassie zu sehen, und zwar als böswilligen Geist, der sie tyrannisiert und ihr nachts den Schlaf raubt.

Diese Cassie, oder vielmehr ihre Erscheinung, machen Lia Angst und verstören sie. Doch anstatt sich Hilfe zu holen, straft sie sich mit noch weniger Nahrung und sie beginnt wieder, sich zu ritzen. Als Leser leidet man richtig mit Lia, aber auch mit ihrer Familie mit. Immer wieder hätte ich sie am liebsten geschüttelt und wachgerüttelt und ich will mir gar nicht vorstellen, wie betroffene Eltern sich in so einer Situation fühlen. Ihre Hilflosigkeit muss ihnen doch schier den Atem rauben und sie um den Verstand bringen.

Erstaunlicherweise geht Lia zeitweise sehr rational mit ihrer Erkrankung um.

„Wenn man verhungert, schüttet der Körper Adrenalin aus. Das will niemand kapieren. Abgesehen vom Hungergefühl und dem Frieren fühle ich mich tatsächlich meistens so, als könnte ich Bäume ausreißen.“ (S.215)

Sie weiß ziemlich genau, was die Krankheit mir ihr macht und sie ist sich auch darüber im Klaren, dass sie ihrer Meinung nie dünn genug sein wird. Jedes Ziel ist nur eine Zwischenetappe vor dem endgültigen Verschwinden, denn am liebsten würde sie 0 kg wiegen. Lia kann sich einfach nicht von diesen zerstörerischen Gedanken befreien und auch ihre Familie kommt nicht mehr an sie heran. Die Beziehung zu ihrer Mutter ist sowieso katastrophal und der Bezeichnung Mutter-Tochter-Beziehung eigentlich gar nicht würdig. Für Lias Mutter steht ihr Beruf an erster Stelle und sie kann sich mit der Krankheit ihrer Tochter nicht wirklich auseinandersetzen. Ihr Vater redet das Problem klein und lässt sich wohl am längsten von Lia hinters Licht führen. Dessen zweite Ehefrau Jennifer und die kleine Emma sind der eigentliche Halt in Lias Leben, doch dessen wird sie sich erst recht spät bewusst. Erst nachdem Emma ihre Wunden gesehen hat und davon total verstört ist, zieht Lia die Notbremse und lässt sich helfen.

„Essen ist Leben (S. 309) wird ihr neues Mantra und sie lernt, Gefühle zu empfinden und zuzulassen. Langsam wird sie sich ihrer Handlung bewusst und ist gewillt, in Zukunft ein gesünderes Leben zu leben.

„Ich bin sauer, dass ich mein Gehirn verhungern ließ, dass ich nachts zitternd in meinem Bett gelegen habe anstatt zu tanzen oder Gedichte zu lesen oder Eiscreme zu essen oder einen Jungen zu küssen…“ (S.310)

Insgesamt ein tolles Buch zu einem sehr ernsten und leider auch weitverbreiteten Thema. Das Buch macht nachdenklich und traurig, es erschüttert und erschreckt, ist aber dennoch am Ende voller Hoffnung und lebensbejahend.NurEinBuchIButtonVERLAGSSEITE

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Christine

Sprunghafter Beginn, spannender Schluss

PalaIris verbringt die meiste Zeit des Tages an ihrem Computer. Denn seit ihr Vater Suizid beging und ihr Bruder die Familie verließ, flüchtet sie in die Welt des Onlinespiels PALA. Was sie nicht ahnt: Ihre Talente am PC und ihre besondere Begabung sind auch Mr. Oz ins Auge gefallen, Herrscher über das Spiel und deren Superhelden.

Mr. Oz kontaktiert Iris in der echten Welt und will sie auf die Insel Pala locken. Angeblich kann er ihr helfen, ihren Bruder wiederzufinden… Zu spät erkennt Iris das wahre Gesicht von Mr. Oz. Kann sie ihren Bruder und sich selbst retten?

Marcel van Driel verfügt über einen lockeren, flüssigen Schreibstil der durchaus zur Spannung beiträgt. Die Sprache ist klar und schnörkellos, die Dinge werden schnell auf den Punkt gebracht. Dies ist vor allem für die anvisierte Zielgruppe von Vorteil, da das Buch so auch für die jüngeren Leser leicht zugänglich bleibt.

Der Einstieg ins Buch fiel mir allerdings nicht ganz leicht. Gleich zu Beginn tauchten viele verschiedene Personen und Handlungsstränge auf, die meiner Ansicht nach nicht ausreichend untereinander verknüpft waren. Die Handlung erschien mir anfangs zu sprunghaft. Auch die Schiffsreise mit Iris‘ Mutter kam wie aus heiterem Himmel und diese ganze Szene fand ich irgendwie absurd.

Erst nach dem Eintreffen auf Pala konnte das Buch mich in seinen Bann ziehen und ich fieberte mit Iris mit. Ihre Zerrissenheit zwischen dem Wunsch, ihrem Bruder zu helfen und ihre Freiheit wiederzuerlangen wird sehr anschaulich dargestellt und ich litt richtig mit der jungen Heldin.

Iris ist trotz ihres zarten Alters von 13 Jahren mit allen Wassern gewaschen und stellt sich mutig und scheinbar ohne Angst den Herausforderungen, die Mr. Oz ihr stellt. Sie ist clever und lässt sich von Problemen nicht unterkriegen sondern versucht sie zu lösen. Iris wirkt dabei unnahbar und kalt, doch ich glaube, dass das ihr Schutzmechanismus ist. Ihr Körper wird vom Überlebensinstinkt getrieben und sie verhält sich daher absolut rational. Außer Justin vermag nur Alex ihren Panzer zu durchbrechen. Dabei ist sie ihren Freunden gegenüber durchaus loyal, sodass es sie nicht nur körperlich verletzt, als Fiber sie schlägt. Vielmehr fühlt sie sich verraten und erkennt erst später die gute Absicht hinter Fibers Verhalten.

Mr. Oz Motive sind nach diesem ersten Band noch ziemlich unklar. Da dies der Auftakt einer Serie ist, werden natürlich nicht alle Geheimnisse aufgeklärt. Die Gestalt des Mr. Oz hüllt sich in einen mysteriösen Nebel, dessen Schleier Iris erst ganz zum Schluss lüftet. Doch auch nach dieser ersten Begegnung gibt es mehr Fragen als Antworten, was die Spannung hochhält.

Insgesamt hat dieses Buch mich gut unterhalten, ohne mich jedoch komplett vom Hocker zu reißen. Ob ich mir die folgenden Bände anschaffen werde weiß ich noch nicht, das entscheide ich spontan!

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Christine

Tragisch …

Eine wie AlaskaMiles Halter ist der Außenseiter seiner Schule und auch sein Hobby ist eher untypisch für einen Jugendlichen seines Alters: Er „sammelt“ nämlich letzte Worte! Und François Rabelais letzte Worte „Nun mache ich mich auf die Suche nach dem großen Vielleicht“ verleiten ihn dazu, in die große weite Welt hinauszugehen und ein Internat fernab seiner Heimat zu besuchen. Er will sein altes Leben zurücklassen, da er unzufrieden ist und sich später keine verpassten Möglichkeiten vorwerfen möchte. Auf dem Internat schließt er schnell Freundschaft mit Chip, Alaska und Takumi, was sein bisheriges Leben gehörig auf den Kopf stellt. Denn vor allem Alaska haut ihn um und verändert ihn.

„… wenn Menschen Niederschlag wären, wäre ich Niederschlag und sie wäre ein Hurrikan“ (S.122)

Sofort fühlt er sich zu diesem besonderen Mädchen hingezogen und verliebt sich Hals über Kopf in sie. Doch Alaska ist sehr launig und spielt gerne mit dem Feuer. Eigenschaften, die schlussendlich eine Tragödie heraufbeschwören.

 

Dieses Buch war wirklich anders, als ich erwartet habe, doch es war dennoch gut. Der Schreibstil des Autors liest sich leicht und ist sehr ehrlich. Er verschönt nichts, sondern bringt die Dinge auf den Punkt. Der Spannungsbogen ließ zu Beginn der Handlung etwas zu wünschen übrig, doch spätestens nach dem Wendepunkt hat mich das Buch vollends in seinen Bann gezogen. Die einzelnen Abschnitte geben an, wie viele Tage vor dem alles verändernden Moment liegen, beziehungsweise wie viele Tage seit diesem schicksalhaften Augenblick vergangen sind. Dies hat mir außerordentlich gut gefallen, da man so als Leser sehr gut merkte, wie unverhofft dies alles geschah. Denn am letzten Tag vor der Katastrophe ist die Welt noch vollkommen in Ordnung, doch dann wird sie plötzlich aus den Fugen gerissen und nichts ist mehr, wie es war.

Die Protagonisten sind sehr unterschiedlich, doch allesamt äußerst sympathisch und liebevoll dargestellt. Miles ist ein sehr nachdenklicher, teils in sich versunkener Jugendlicher, der den Dingen gerne auf den Grund geht und durchaus ironisch sein kann. Auch Alaska und Chip hängen oft ihren Gedanken nach und auch wenn sie manchmal nichts als Unfug im Kopf haben (Teenager halt!) merkt man doch ziemlich schnell, wie intelligent sie sind. Dieses Trio bildet das Hauptgespann des Romans und verleiht der Handlung Tiefgang. Besonders im Zusammenhang mit Alaska treten oft recht poetische Gedanken hervor und sie regt die Jungen an, auch außerhalb der Norm zu denken.

„… keine von denen sein, die auf der Couch hocken und immer nur davon reden, was sie mal Großes tun wollen. Ich will es tun. Von der Zukunft zu träumen ist auch eine Art Nostalgie!“ (S.76)

Der Tod spielt spätestens ab dem Wendepunkt eine zentrale Rolle, doch auch vorher taucht er als Randthema immer wieder auf.

„Am Ende, schloss ich, glauben die Menschen an ein Leben nach dem Tod, weil sie das Gegenteil nicht ertragen können.“ (S.138)

Chip und Miles können das Geschehene nur sehr schwer verarbeiten und fallen in ein tiefes Loch. Während die anderen Schüler „nur“ um ihre verlorene Freundin trauern, müssen die beiden Jungs sich mit Schuldgefühlen herumschlagen, da sie das Unglück hätten verhindern können. Mit dieser Last können sie nur schwer umgehen und sie schämen sich. Besonders Miles hadert mit dem Schicksal und er versinkt in tiefes Selbstmitleid, gepaart mit enormen Schuldgefühlen.

„Die letzten Worte von Meriwether Lewis waren: „Ich bin kein Feigling, im Gegenteil. Aber Sterben ist schwer.“ Das will ich auf keinen Fall bestreiten, doch es kann nicht viel schwerer sein, als das Zurückgelassenwerden.“ (S.201)

Insgesamt hat dieses Buch mir sehr gut gefallen, allerdings konnte es mich nicht zu Tränen rühren. Zu sehr beschäftigte mich die Frage nach dem Unfallhergang und ich finde es gelungen, dass John Green dies nicht aufklärt, sondern jedem Leser seine eigene Meinung lässt. Dies passt zu der poetischen Note des Buches!

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Christine

Schweigen ist …

Die Regeln des SchweigensHurra hurra, die Schule brennt! Diesen Spruch haben die meisten Schüler (und vielleicht auch Lehrer) wohl schon zum Besten gegeben, doch nun wird er zur Realität. Phils Schule brennt ab und somit müssen er und seine Mitschüler für das restliche Schuljahr eine andere Schule besuchen. Zusammen mit Mona und ein paar anderen Mitschülern landet er in einer fremden Umgebung und eine spannende Zeit beginnt. Denn Mona lädt Phil zu einem geheimen Klub ein, der die Geheimnisse anderer Leute aufdecken und aufbewahren will. Phil muss sich nun klar werden, ob er zu diesem mysteriösen Klub gehören will oder nicht. Zu allem Überfluss rückt ihm die Polizei auf die Pelle und er verliebt sich in Mona.

Tino Schrödls Schreibstil ist locker und angenehm zu lesen. Die Charaktere bleiben mir jedoch zu flach und so empfand ich das gesamte Buch als eher oberflächlich. Zwar taucht man tief in Phils Gedankenwelt ein, dennoch fehlt es mir an Verknüpfungen zum restlichen Geschehen und somit an Tiefgang. Die Beziehung zu seinem Vater ist zerrüttet, wird aber nur angedeutet. Auch der Tod seiner Oma scheint eher spurlos an ihm vorbei zu gehen und bleibt schwammig.

Die Handlung war teilweise recht spannend, doch auch in diesem Punkt bleibt noch Luft nach oben. Über die anderen Klubmitglieder erfährt man fast nichts, was angesichts ihrer tragenden Rolle im Buch doch sehr schade ist. Zwar erfährt Phil so manches über ihre familiären Probleme, doch dies wird nicht ausgebaut. Die einseitige Erzählperspektive verhindert, dass man als Leser tiefere Einblicke in die Gedankenwelt der anderen Mitglieder erhält.

Diese Oberflächlichkeit zieht sich leider durch das ganze Buch und beschränkt sich nicht nur auf die Darstellung der Charaktere. Denn die Geheimnisse, die eigentlich eine zentrale Rolle spielen sollten, tragen nicht viel zum Handlungsverlauf bei und geben dem Klub keine Legitimation.

Dabei ist die Idee hinter Tino Schrödls Buch so simpel wie genial. Eine Gruppe Jugendlicher versucht alles Mögliche über ihre Mitmenschen zu erfahren und dies in einem Buch festzuhalten. Je pikanter das Geheimnis, desto besser.

„Nichts ist für die menschliche Natur verlockender als nicht gelöste Geheimnisse. Nichts macht eine Sache interessanter als ein sie umgebendes Mysterium.“ (S.25)

Der Macht, die sie sich hiermit verschaffen, sind sie sich nur teilweise bewusst. Sie reden zwar oft von Verantwortung und wollen wirklich niemandem etwas Böses, doch schon bald beginnen sie darüber zu streiten, was sie nun mit ihrem Wissen anfangen sollen.

„Geheimnisse können helfen, beruhigen, bewahren, retten und verletzen.“ (S.75)

Während Matt ihre Einblicke nutzen will, um den Betroffenen zu helfen, wollen die restlichen Klubmitglieder sich nicht in die Angelegenheiten anderer Leute einmischen. Ein Streit entbrennt und Matt trifft die falschen Entscheidungen, da er sich auf den ersten Schein, ein gefährliches Halbwissen verlässt. Sie haben einfach nicht bedacht, wie sie mit den brisanten Informationen umgehen sollen und sind nun heillos überfordert. Dies gipfelt in einem tragischen Autounfall und einem Selbstmordversuch! Die Konflikte innerhalb der Gruppe sind anschaulich beschrieben und zeugen von Misstrauen, Angst und falsch verstandener Loyalität.

„Bislang hatte ich die Arbeit des Klubs als ein Spiel betrachtet, als Abenteuer, einfach nur aufregend. Nun glaube ich, dass es mehr sein könnte. Dass es vielleicht sogar falsch ist, was wir tun.“ (S.211)

Insgesamt ist das Buch in Ordnung, das volle Potential der Idee wurde jedoch nicht genutzt.

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Christine

 

Tolle Idee, aber zu seicht …

All die schönen DingeDie 16-jährige Tammie schleppt eine sehr große Last mit sich herum, denn sie leidet seit ihrer Kindheit an einem Hirnaneurysma. Seither muss das junge Mädchen alles vermeiden, was sie aufregen und ihr Blut in Wallung bringen könnte, damit das Aneurysma nicht platzt.

„Wenn er platzt und das Blut mein Gehirn überschwemmt, ist das wie bei einem Tsunami, der sich über eng bebaute Straßen ergießt und alles mit sich reißt. Und ich sterbe dann oder ende als Fallobst im Rollstuhl.“ (S.17)

Der Tod spielt eine enorme Rolle in Tammies Leben und so ist es auch kaum verwunderlich, dass sich auch ihre Lieblingsbeschäftigung um dieses Thema dreht: Sie besucht den Friedhof und sucht dort nach dem perfekten Spruch für ihren eigenen Grabstein. Ihre letzte Ruhestätte will Tammie nämlich auf keinen Fall dem Zufall überlassen! Doch ausgerechnet auf dem Friedhof begegnet sie Fynn, der Liebe ihres Lebens. Er zeigt ihr die schönen und lebenswerten Momente des Lebens und gibt ihr Kraft und Mut.

 Dieses Buch weckte in mir sehr große Erwartungen, die leider nicht ganz erfüllt werden konnten. Zwar ist der Schreibstil von Ruth Olshan sehr leicht und angenehm zu lesen, dennoch konnten die Sprache und die Geschichte mich nicht ganz berühren. Meiner Meinung nach birgt die Handlung sehr viel, leider nicht ganz ausgeschöpftes Potential und könnte den Leser sicherlich noch mehr berühren. Mir fehlte es an Tiefgang und auch ein bisschen an Dramatik.

Tammie geht sehr pragmatisch mit ihrer Krankheit um und es mangelt ihr auch nicht an Ironie. Insgesamt werden die Personen, mit Ausnahme von Fynns Tante, sehr sympathisch dargestellt, doch leider wirken sie manchmal schon fast übermenschlich. Zwar gibt es in Tammies Familie einige, kleinere Streitereien mit ihrem Bruder, doch auch die Beziehung zwischen den Geschwistern bleibt mir zu oberflächlich.

„Sie werden leben, wenn ich nicht mehr da bin. Sie werden sich streiten und lieben, werden eine normale Familie sein, auch wenn sie einmal den Tisch für vier Personen gedeckt haben.“ (S.55)

Die Episode mit Jens empfand ich ehrlich gesagt als äußerst störend und ziemlich zusammenhanglos. Ich verstand nicht, wo er auf einmal herkam und wieso ihm plötzlich diese Rolle zu Teil wurde. Diese ganze Szene fand ich einfach nur übertrieben und sehr unglaubwürdig.

Am besten gefiel mir Pat, da sie durch ihre forsche, direkte Art viel Schwung in die Handlung brachte. Auch durchlebte ich in ihren Gesprächen mit Tammie die emotionalsten Momente.

„Ich will keine langweilige Grabrede für dich schreiben. Ich will schreiben, dass du wie eine Löwin um dein Leben gekämpft hast, und dass ich dir dabei helfen durfte.“ (S.38)

Tammies Beziehung zu Fynn berührte mich leider nicht in dem gleichen Maße, ohne dass ich mein Gefühl genau erklären könnte. Vielleicht liegt es daran, dass Fynn mir zu glatt, zu perfekt wirkte und dies stört mich eigentlich immer. Fynn zieht Tammie wieder auf die positive Seite des Lebens, doch irgendwie fehlte mir die Auseinandersetzung mit der Krankheit. Diese wird zwar angesprochen, aber sehr oberflächlich abgefertigt.

Dennoch ist dieses Buch ein gelungenes Debüt der Autorin und sicherlich, trotz des ernsten Themas, auch jüngeren Lesern zu empfehlen. Es ist ein sehr positives, lebensbejahendes Buch und eine eher seichte Lektüre.

„Wenn man nicht drüber hinwegkommt, muss man drunter durch.“ (1. Seite)

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Christine

 

Packender, teils poetischer Jugendroman

So wüst und schön sah ich noch keinen TagDuncan beginnt sein letztes Schuljahr an der Irving School und gehört somit zu den Seniorschülern. Dank einer alten Schultradition bekommt Duncan nun nicht nur das Zimmer eines ehemaligen Seniorschülers zugeteilt, sondern findet auf seinem Zimmer auch noch einen „Schatz“, den sein Vorgänger ihm hinterlassen hat. Natürlich sind alle Schüler gespannt und hoffen auf ein tolles Zimmer und einen aufregenden Schatz. Doch zuerst ist die Ernüchterung bei Duncan riesig: Er bekommt nicht nur das winzige Zimmer des Albinos Tim, auch sein Schatz wirkt auf den ersten Blick langweilig. Doch langsam wird Duncan klar, dass Tim auf diesen CDs sein wohlgehütetes Geheimnis preisgibt und den wohl schwärzesten Tag der Schule beleuchtet. Denn im letzten Schuljahr gab es einen Vorfall, der die gesamte Schülerschaft, allen voran Duncan, zutiefst erschüttert hat …

Das Cover und vor allem der Titel sind mir in der Buchhandlung sofort ins Auge gefallen. Ich empfand beides als sehr vielversprechend und wurde nicht enttäuscht! Der Schreibstil der Autorin ist einnehmend und sehr angenehm zu lesen. Es gelingt Elizabeth LaBan einen gut aufgebauten, stetig ansteigenden Spannungsbogen zu schaffen. Der Roman zieht den Leser so immer tiefer in seinen Bann und man kann das Buch kaum aus den Händen legen.

Die Charaktere sind sehr anschaulich beschrieben und man lernt den ganzen Menschen kennen, mit seinen Schwächen und Stärken. Die beiden Hauptfiguren Duncan und Tim sind beide supersympathisch und haben mehr Gemeinsamkeiten, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Denn beide sind eher unsicher, haben Probleme sich voll und ganz auf andere Menschen einzulassen und machen sich viele Gedanken.

Zudem leidet Tim an Albinismus und fühlt sich dadurch stark benachteiligt, wenn es um die sozialen Kontakte geht. „Was hast du denn gedacht, als du mich zum ersten Mal gesehen hast? (…) Bist du sofort zurück in dein Zimmer gerannt, um nachzuschlagen, was ich wohl habe und ob es ansteckend ist? Zumindest stelle ich mir vor, dass die meisten Menschen so reagieren.“ (S.18) In Tims Augen wird er durch seine Krankheit definiert. Er traut seinen Mitschülern nicht zu, den Menschen hinter der Krankheit zu sehen und beraubt sie somit unbewusst der Möglichkeit, näher an ihn heranzukommen. Nur Vanessa gelingt es, diesen Schutzpanzer etwas aufzuweichen und sie zeigt Tim, dass er sich eigentlich nur selbst im Weg steht. „Wenn ich nicht so monoman wäre, so besessen von dem Gedanken, ein Albino zu sein – vielleicht liefen die Dinge dann anders.“ (S.229)

Vanessa war mir allerdings nicht immer sympathisch. Ich empfand sie manchmal als oberflächlich und vielleicht auch ein bisschen egoistisch. Denn obwohl sie sich zu Tim hingezogen fühlt, will sie sich nicht mit ihm zeigen. Dass es ihr dabei nur um ihren Freund Patrick geht, kaufe ich ihr irgendwie nicht ab. Sie wirkt auf mich nun mal nicht wie ein Mädchen, das Angst hat seine Meinung zu äußern. Ich glaube eher, dass sie den Weg des geringsten Widerstandes wählt und daher einem Konflikt mit Patrick aus dem Weg gehen will. Natürlich kann ich nicht leugnen, dass Patrick ein unangenehmer Zeitgenosse ist und sicherlich leicht in Rage gerät. Dennoch denke ich, dass er der Beziehung nicht lange hinterher trauern würde, sondern schnell eine neue Freundin hätte.

Die Schulgemeinschaft finde ich toll und das Leben im Internat wird sehr abwechslungsreich und liebevoll dargestellt. Mr Simon ist einfach nur genial und ich glaube, so einen Lehrer würde sich jeder wünschen. Von ihm stammt auch mein Lieblingszitat des Buches: „Und nun geht und verbreitet Schönheit und Licht“.

Das Buch endet mit einer vollständig abgeschlossenen Handlung und dennoch bleibt der Fantasie viel Spielraum erhalten. Denn obwohl man Tims Geschichte nun kennt, gibt es doch noch viele offene Fragen. Wie geht es Tim und Vanessa ein Jahr nach der Tragödie? Werden die beiden je wieder ein Wort miteinander wechseln? Wird Duncan seine Schuldgefühle überwinden?

Ein gelungener Jugendroman der ein ernstes Thema anspricht aber dank eines lockeren Schreibstils auch für die jüngeren Leser interessant ist!

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Christine

 

Alles nur geträumt?

SilberMit ihren 16 Jahren hat Liv Silber schon viel von der Welt gesehen, da sie aufgrund der Arbeit ihrer Mutter ständig umziehen muss. Nun hat es sie zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Mia, Kindermädchen Lotti und Hündin Buttercup nach London verschlagen. Dort arbeitet ihre Mutter als Dozentin an der Universität und ist frisch verliebt. Schon bald zieht Familie Silber zu dem neuen Freund ihrer Mutter: Ernest Spencer. Mit dessen siebzehnjährigen Zwillingen Grayson und Florence ist die Patchwork-Familie nun komplett.

Als ob dieser neue Alltag nicht schon stressig genug wäre, entdeckt Liv zufällig Graysons Geheimnis: In seinem Träumen trifft er sich mit seinen Freunden, um gegen einen Dämon zu kämpfen! Doch das Bizarre daran ist, dass die Freunde ganz bewusst in die Träume fremder Menschen eindringen können und so sehr viel über die jeweiligen Menschen erfahren. Liv ist sofort Feuer und Flamme. Daher ist sie auch ohne Zögern bereit, dem magischen Kreis der Jungs beizutreten. Doch welche Gefahr steckt hinter dieser Macht?

Obwohl ich Fantasy-Geschichten eigentlich überhaupt nicht mag, fand ich dieses Buch toll.

Kerstin Gier beeindruckt durch einen lockeren, humorvollen Schreibstil. Das Buch liest sich sehr flüssig und der Spannungsbogen fällt zu keinem Moment ab.

Die Personen des Buches, allen voran Liv, werden sehr sympathisch dargestellt und man kann sich richtig gut in sie hineinversetzen. Alle Charaktere haben ihre Schwächen und ihre Stärken, doch sie sind allesamt sehr liebevoll beschrieben und erscheinen sehr menschlich. Nur Mias und Livs Vater glänzt durch Abwesenheit, aber vielleicht ändert das sich in den Fortsetzungen.

Die Geschichte an sich fand ich sehr interessant und ich bin überzeugt, dass Jugendliche sich hiermit identifizieren können. Ob es nun Menschen gibt, die tatsächlich so bewusst träumen und ihre Träume sogar beeinflussen oder bewusst lenken können, kann ich nicht sagen. Ich habe mich eigentlich noch nie so wirklich mit dem Thema „luzides Träumen“ auseinandergesetzt und es eher als Humbug abgetan.
Aber reizvoll wäre es natürlich schon …

Ich lese Jugendbücher vor allem, um neue Klassenlektüren für meine Schüler zu finden. Ich bin mir allerdings nicht ganz so sicher, ob dieses Buch auch etwas für Jungs ist, es erscheint mir doch eher mädchenhaft. Ich befürchte, dass einige Jungen das Buch bereits als Mädchenkram abgetan haben, bevor es richtig spannend wird.

Insgesamt fand ich dieses Buch äußerst gelungen und werde es sicherlich weiterempfehlen.

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„Mein bester letzter Sommer“ von Anne Freytag

Mein bester letzter Sommer

Tessa ist 17 Jahre jung und wird ihren 18. Geburtstag nicht mehr erleben. Sie leidet nämlich an einem Herzfehler und zu allem Übel fehlt ihr auch noch eine Lungenschlagader. Tessa igelt sich zuhause ein und verflucht sich und die Welt. Die Beziehung zu ihrer Mutter steht auf der Kippe und auch in ihrer Schwester hat sie scheinbar keine Verbündete. Ihr Vater arbeitet ständig und nimmt sich kaum Zeit für die Familie.


Während dieser trostlosen Zeit taucht Oskar in Tessas Leben auf und stellt deren Welt sogleich auf den Kopf. Er sieht Tessa mit seinen Augen, sieht den wunderbaren Menschen hinter der Krankheit und hat den Mut, sich dieser Liebe ohne Happy End zu stellen. Er schenkt ihr einen letzten, unvergesslichen Sommer und zeigt ihr, was das wahre Glück im Leben ist

Dieses emotionale Buch ging mir echt unter die Haut. Die Streitereien in der Familie sind so realistisch beschrieben, dass man wirklich das Gefühl hat, mittendrin zu sein. Die ganze Familie leidet unter Tessas Krankheit, aber niemand weiß damit umzugehen. Der Druck, der auf allen lastet, bringt jeden an seine Grenzen und manchmal droht die Situation zu eskalieren. Mittendrin eine 17-Jährige, die all ihren verlorenen Möglichkeiten hinterhertrauert und einsieht, dass sie ihr Leben nie gelebt, sondern nur geplant hat.

„Es ist schon seltsam. Ich wollte immer alles. Also für mein erwachsenes Ich. Jetzt wäre ich schon mit etwas mehr Zeit zufrieden. Das Leben wird nicht definiert von denen Momenten, in denen du atmest, sondern von denen, die dir den Atem rauben.“ (S.24)

Diesen Frust lässt sie vor allem an ihrer Mutter aus, die seit Tessas Geburt von deren Krankheit wusste, sie aber verschwieg. Nur langsam wird Tessa klar, dass ihr langsames Sterben nicht nur für sie schwierig ist, sondern auch für ihre Familie, die sie auf diesem letzten, qualvollen Weg begleitet.

In diesen traurigen Alltag bricht Oskar mit aller Wucht ein. Tessa ist sofort Hals über Kopf in den gutaussehenden Jungen verliebt, lässt ihn aber nur zögerlich an sich heran. Ihr Herz will mit Oskar zusammen sein, ihm ganz nahe sein. Doch ihr Verstand wirft ihr vor selbstsüchtig zu sein und Oskars Leben mit in den Abgrund zu reißen.

„Der Verstand hat keine Chance, wenn das Herz einmal entschieden hat, was es will.“ (S.168)

Tessa entscheidet sich für die Liebe und ist erstaunt, dass Oskar nicht wegläuft, sondern sie so liebt, wie sie ist. Ihre Schüchternheit und ihre Ängste bremsen sie immer wieder aus, dennoch genießt sie das Abenteuer der Italienreise in vollen Zügen. Oskars Unbeschwertheit färbt zumindest teilweise auf Tessa ab und lässt sie ihre Krankheit manchmal vergessen. Tessa erlebt die glücklichsten Tage ihres Lebens und söhnt sich mit ihrer Familie und ihrer besten Freundin aus.

Doch je mehr Tessa sich fallen lässt und ihren Frieden mit dem Schicksal schließt, umso tiefer wird Oskars Verzweiflung. Er ist noch nicht bereit, Tessa gehen zu lassen. Er weiß nicht, wie er es ertragen soll, nach seiner kleinen Schwester noch einen weiteren Menschen zu verlieren, den er über alles liebt. Langsam bröckelt seine starke Fassade, die er sich aufzwingt. Er will stark sein für Tessa, dabei leidet er selbst unter unsichtbaren Wunden, die niemals zu heilen scheinen.

„Wenn ich könnte, würde ich sie vor allem beschützen. Ich würde sie verteidigen. Sie glücklich machen. Aber alles, was ich tun kann, ist, ihr beim Sterben zuzusehen.“ (S.340)

Der größte Teil des Buches beschreibt Tessas Sicht der Dinge, erst gegen Ende, als Tessa zu schwach wird, wechselt die Erzählperspektive zwischen Oskar und Tessa ab. Dies macht die ohnehin schon packende Lektüre abwechslungsreich und lässt den Leser an Oskars Gefühlswelt teilhaben. Vor allem zum Schluss ist dies natürlich nur logisch, da Tessa ihren langen Kampf gegen die Krankheit verliert.

Der Schreibstil ist schonungslos ehrlich und sehr offen, immer wieder war ich den Tränen nahe und fühlte zu jeder Zeit mit Teskar. Ich habe mit Tessa geweint, gelacht und gelitten. Die ganze Bandbreite der Emotionen wird in diesem Roman bedient und das macht dieses Buch so wunderbar. Bei aller Traurigkeit und der ständigen Gefahr des Todes ist dieses Buch aber vor allem eine Hommage an das Leben und die Liebe. Wenn Tessas Geschichte mich etwas lehrt, dann den Moment in vollen Zügen zu genießen und das Leben einfach zu leben!

„Wir alle haben zwei Leben. Das zweite beginnt, wenn wir realisieren, dass wir nur eines haben“ (S.265)

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