2 + 2 = 4 oder doch etwa 5?

csm_9783548234106_cover_aeec59b8d8„Freiheit bedeutet die Freiheit, zu sagen, dass zwei und zwei vier ist. Gilt dies, ergibt sich alles übrige von selbst.“ (S. 111)

Neunzehnhundertvierundachtzig. Die drei verfeindeten Machtblöcke Ozeanien, Eurasien und Ostasien beherrschen die Welt.
In London, der drittstärksten bevölkerten Provinz Ozeaniens lebt der 39 – jährige Winston Smith. Er arbeitet im Ministerium für Wahrheit und gilt dementsprechend auch als ein gehorsames Parteimitglied (äußere Partei).
Während er seinen Job routiniert verrichtet, den Verlauf der Vergangenheit und Zeitungsartikel der Parteidoktrin entsprechend abändert, wächst in ihm der Zweifel an dem totalitären System.
Unbeobachtet bleiben nur seine Gedanken, während sein Körper dem ständigen Blick des Großen Bruders ausgeliefert ist. Eine fiktive Figur der Parteielite (innere Partei).
Doch wie kann man sich gegen einen derartigen Überwachungsstaat auflehnen und dabei unbeobachtet bleiben?

Der Einstieg in den Roman gelingt überraschend leicht. George Orwell verzichtet auf lange Ausschweifungen und legt seine Konzentration stattdessen auf den gegenwärtigen Moment, in dem sich der Protagonist Winston Smith befindet.
Darüber hinaus verfügt 1984 über einen klaren und verständlichen Erzählstil, der dem Leser ein komplexes Bild von einer bedrückenden und düsteren Zukunft liefert. Schnell wird einem bewusst in welch kalter und grauen Welt sich Winston bewegt. Einer Welt in der dem einzelnen Menschen keine Bedeutung zukommt.

Der Roman besteht aus drei Teilen. Im ersten gewinnt man einen Überblick über das Verhalten der Menschen, sowie viele Einzelheiten über die Denkweise und den genaueren Ablauf in der Gesellschaft des totalitären Überwachungsstaates. Dies ist äußerst detailreich beschrieben und inszeniert eine Tiefe, die den Leser zugleich schockiert, sprachlos werden lässt und gleichermaßen an die Seiten fesselt.
Alles unterliegt einer ständigen Kontrolle. Alles wird beobachtet. Jeder Schritt, jeder Atemzug, jeder Fehltritt und jede Handbewegung. Sowohl in öffentlichen Gebäuden, auf der Straße oder in den eigenen vier Wänden.
Die Menschen sprechen miteinander, jedoch bleiben diese Konversationen nur an der Oberfläche. Liebe und Freundschaft zählen nicht. Was jedoch zählt, ist die völlige Hingabe für die Partei.
Sogar die Sprache verliert an Stellenwert, Worte werden reduziert. Alles löst sich Stück für Stück auf. Insbesondere die Erinnerung an die Vergangenheit.

„Alles verschwamm in einer Schattenwelt, in der zuletzt sogar die Jahreszahl ungewiß geworden war.“ (S. 63)

Winston Smith unterscheidet sich von den Menschen um ihn herum. Er sieht die Manipulation, die eingeschränkte Freiheit.  Ausschlaggebend ist seine verbliebene bruchstückhafte Erinnerung an seine Kindheit. Doch dies ist gefährlich!

Im zweiten Teil lässt Orwell seinen Protagonisten die Strukturen des Systems klarer wahrnehmen. Und während Winston das Wie? zu verstehen scheint, quält ihn bereits das Warum?.

Mit dieser Frage beschäftigt sich der dritte Teil von 1984. Und während George Orwell eine Weg sucht, uns eine Antwort zu geben, flacht der Roman plötzlich ab. Verliert an Spannung und fällt in sich zusammen. Leider scheint sich der Autor in seinen Theorien zu verstricken, die zwar sehr ausführlich beschrieben werden, jedoch trotzdem kaum Antworten geben, sondern nur noch mehr Fragen aufwerfen. Vieles bleibt unbeantwortet…

Als Leser findet man sich plötzlich in der Situation wieder, dass man gedanklich nicht weiterkommt. Die Handlung bleibt an einem Punkt plötzlich stehen und 1984 zieht sich dadurch leider in die Länge.
Und am Ende kann man sich zu Recht die Frage stellen, wo der Widerstand bleibt.

Orwell entwirft ein spannendes und schockierendes Bild von einer Zukunft, welche einige Parallelen zu unseren heutigen Welt besitzt.
Dabei hat mir der Stil des Autors sehr gut gefallen. Sein Roman berührt und schockiert. Ich musste nach der letzten gelesenen Seite tief durchatmen, um mich von dieser Welt zu lösen. Und auch wenn er für mich einige Schwächen zum Ende hin besitzt, ist es dennoch eine wertvolle Lektüre, die einen nachdenklich macht und durchaus interessant zu lesen ist! NurEinBuchIButtonVERLAGSSEITE

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Bonny

Wo ist Kadir?!

kadir-der-krieg-und-die-katze-des-prophetenKadir und Mark sind das Dreamteam im Sturm des örtlichen Fußballvereins und auch außerhalb des Rasens sind die besten Freunde unzertrennlich. Bis Kadir eines Tages spurlos verschwindet! Alarmiert versuchen Mark und Kadirs Schwester Meral den Aufenthaltsort des vermissten Jugendlichen aufzuspüren. Doch schnell hegen die beiden einen grausamen Verdacht: Hat Kadir sich radikalisiert und ist für den IS in den Heiligen Krieg gezogen?

Benno Köpfer und Peter Mathews haben mit Kadir, der Krieg und die Katze des Propheten ein wichtiges Buch veröffentlicht, das sehr authentisch die Geschichte eines radikalisierten Jugendlichen erzählt. Interessanterweise wird die gesamte Handlung aus Marks Sicht erzählt, Kadirs bestem Freund und einzigem Vertrauten in Deutschland. Denn nach seiner Rückkehr aus Syrien zieht Kadir seinen Freund ins Vertrauen und erzählt ihm die Wahrheit.

Dies ist aus Sicht der Autoren nur logisch, da Mark die Handlung in Deutschland vorantreibt. Er macht sich große Sorgen um seinen Freund und will ihn unbedingt aufspüren. Daher wendet er sich auch umgehend an Kadirs Familie, wird dort allerdings nur von Kadirs Schwester Meral unterstützt. Kadirs Onkel, der seit dem Abgang von dessen Vater das Oberhaupt der Familie ist, will vom IS und den Salafisten nichts hören und verschließt die Augen vor der Wahrheit:

„Dschihad. Meinst du die Idioten in Syrien? Ich werde ihm beide Beine brechen, wenn er diesen Verrückten hinterherläuft!“ (S.33)

„Damit haben wir (Moslems) nichts zu tun. Das liegt an den Computern, auf denen ihr ständig spielt. Da schießen sie alle tot und klauen Autos. Das kommt aus Amerika, das ist Teufelszeug. Ich sage euch, das sind die wahren Teufel und Verführer.“ (S.33)

Der Onkel verabscheut die Salafisten, nimmt die Gefahr aber nicht ernst. Er weiß sehr wohl, dass in ihrer Moschee eine radikalere Gebetsgruppe ansässig ist und dass Kadir sich ihnen angeschlossen hat, doch er spielt dies herunter.

„Kadir ist bei denen da gelandet. Das sind Delikanli, junge Leute mit wildem Blut“, sagte der Onkel und deutete an, dass die am anderen Tisch verwirrt seien.“ (S. 38)

Kadirs familiäre Situation spielt eine besonders wichtige Rolle in diesem Buch. Der Vater hat sich aus dem Staub gemacht und ist ohne die Familie in die Türkei zurückgekehrt. Die jüngere Schwester ist dem Islam auch sehr verbunden und droht ebenfalls in die Salafisten-Szene abzurutschen. Einzig Meral, Kadirs ältere Schwester, steht fest im Leben und tut was sie kann, um ihren Bruder zu finden. Mit der Hilfe ihrer Mutter kann sie dabei nicht rechnen, denn diese ist sehr unselbständig und würde sich außerhalb der eigenen vier Wände überhaupt nicht zurechtfinden.

„Sie war in den zwanzig Jahren Deutschland aus ihrer Küche, also im Prinzip aus dem Stadtteil Kadiköy in Istanbul, besser: ihrem Dorf in Anatolien, nicht rausgekommen.“ (S.61)

Immer wieder werden Verse aus dem Koran zitiert und einzelne Sure dargelegt. Diese etwas theoretischen Stellen dürfen natürlich in einem solchen Buch nicht fehlen, da dieses Buch für Jugendliche gedacht ist und diese nicht unbedingt das nötige Vorwissen mitbringen. Die Autoren wollen erklären und zeigen immer wieder die Unterschiede zwischen den Moslems und den Salafisten auf, genauso wie sie auf andere, große Weltreligionen anspielen.

„Bei den Christen hat sich inzwischen durchgesetzt, dass man das (die Bibel) als historische Geschichte lesen sollte.“ (S.54)

„Die Salafisten zum Beispiel nehmen den Koran wörtlich und wollen alles so machen, wie es die Alten, As-Salaf-as-salih, die ehrbaren Prophetengefährten gemacht haben.“ (S.54)

Auch Kadirs Aufenthalt in Syrien, der einen großen Teil des Buches einnimmt, wird sehr ausführlich beschrieben. In diesen Momenten zeigen die Autoren, dass sie sich sehr viel Wissen über dieses Phänomen angeeignet haben und sie versuchen auf ihre Art, die Jugendlichen wachzurütteln. Denn es sollte doch jedem zu denken geben, dass das Leben eines Kätzchens, so niedlich es auch sein mag, wertvoller zu sein scheint als das Leben eines „ungläubigen“ Menschen!

Dieses Buch ist, genau wie andere Jugendbücher dieser Thematik, sehr wichtig und wertvoll, weil es vielleicht helfen kann, gefährdete Jugendliche aufzuklären und ihnen die Realität vor Augen zu führen. In der heutigen Zeit sollten solche Bücher und die ehrliche, freundliche und objektive Auseinandersetzung mit dem Thema zu jedem Lehrplan gehören. Denn jeder Jugendliche, der sich, von welcher Ideologie auch immer, instrumentalisieren lässt und sein Leben riskiert, ist ein Jugendlicher zu viel!

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Christine

 

 

Das schwärzeste Kapitel Deutschlands in der Nachkriegszeit

RAD - 1. GenerationDeutschland, 2. Juni 1967: Die Ermordung eines jungen Studenten durch einen Berliner Polizisten während einer Demonstration empört die Studentenszene. Als Reaktion darauf radikalisiert sich ein Teil der linken Studentenbewegung und treibt so die Entstehung der RAD voran. Ein paar Jahre später stürzt dieses sehr schwarze Kapitel der Geschichte die Bundesrepublik Deutschland in die schlimmste innerpolitische Krise der Nachkriegszeit

Dem Autor Stefan Schweizer gelingt es mit diesem Buch, die brutale Geschichte der RAF neu aufzuarbeiten. Der Schreibstil ist schonungslos und recht rau, passt also ausgezeichnet zu dem ernsten und brutalen Thema des Buches. Die dargestellten Terroristen beruhen auf realen Persönlichkeiten und ihre wahre Identität erschließt sich dem Leser sehr schnell. Der Ermittler hingegen ist fiktiv. Die Perspektivwechsel erhöhen die Spannung und geben dem Leser Einblicke in das nicht immer ruhmreiche Leben eines verdeckten Ermittlers.

Mit akribisch recherchierten Daten und Handlungsabläufen versucht der Autor die Denkweise und die Ziele der RAF zu erläutern. Was als kleine Studentenbewegung beginnt, weitet sich schnell aus und nimmt ungeahnte Dimensionen an. Nach einer mehr oder weniger erfolgreichen Ausbildung in einem Lager der PLO, kommen die Terroristen gestärkt und hochmotiviert zurück nach Deutschland um ihren Worten Taten folgen zu lassen. Sie widersetzen sich dem amerikanischen Imperialismus und dem damit verbundenen Kapitalismus, erklärte Lieblingsfeinde sind vor allem Polizisten, Politiker und erfolgreiche Geschäfts- und Finanzleute. Ihr Ziel ist die Destabilisierung des Systems, sie wollen den Staat zu Fall bringen und dem Volk die Macht übergeben. Der Tod unschuldiger Zivilisten gehört, im Gegensatz zu heutigen Attentaten, nicht zu ihrem Hauptinteresse, wird aber im schlimmsten Fall als Begleitschaden in Kauf genommen.

Dieses schwierige und traumatische Kapitel der deutschen Geschichte ist heute aufgrund erhöhter Terrorgefahr leider aktueller denn je und auch die Begnadigung ehemaliger RAF-Terroristen wurde vor nicht allzu langer Zeit diskutiert. Des Weiteren entsteht aufgrund undurchsichtiger Machenschaften eines verdeckten Ermittlers eine Verbindung zu dem hochbrisanten NSU-Prozess. Denn die Rolle des Undercover-Polizisten Grass ist sehr ambivalent dargestellt und zeigt die schwierige Ausführung einer verdeckten Ermittlung. Grass ist zerrissen zwischen seiner realen und seiner Tarnidentität und tröstet sich mit Drogen, Alkohol und später auch mit Frauengeschichten. Von Ehrgeiz zerfressen stürzt er sich in die Arbeit, kann Drucksituationen aber nicht handhaben und tickt regelmäßig aus. Sein Hang zur Gewalt und zur Selbstzerstörung droht ihn immer wieder in den Abgrund zu stoßen und macht ihn zu einer tickenden Zeitbombe. Sein Chef schützt ihn, solange er ihn braucht und deckt seine Gewaltexzesse.

Insgesamt ist dies ein tolles, politisches Buch und trifft den Nerv der Zeit. Attentate, Terroristen und Angst sind leider allgegenwärtig und stürzen viele Länder in eine tiefe Krise. Allerdings sollte man sich schon ein bisschen für Geschichte und Politik interessieren, um dieses Buch richtig einordnen zu können. Wer einen spannenden, leicht verdaulichen Krimi sucht, ist hier sicherlich falsch!

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Christine

Inhaltlich erschütternd, sprachlich nicht überzeugend

Parvaneh heißt SchmetterlingIran, 1979: Eine erfolgreiche Revolution beendet die jahrelange Herrschaft des Schah, der sein Volk unterdrückt und bedroht hat. Die Bevölkerung hofft nun auf die lang ersehnte Freiheit und sehnt sich nach Frieden. Doch die Freude währt nur kurz, denn Imam Khomeini wartet nur darauf, seine Macht ins Unermessliche zu steigern und drückt dem so arg gebeutelten Land nun seinen eigenen, brutalen Stempel auf!

Mittendrin befindet sich die zwölfjährige Chahdortt Djavann, die nun mit einer befremdlichen, neuen Gewaltspirale zurechtkommen muss …

 Chahdortt Djavann erzählt in diesem autobiographischen Roman von ihren traumatischen Erlebnissen während und nach der Machtergreifung des Khomeini im Iran. Als der Schah gestürzt wurde, war Chahdrott Djavann ein junges, wissbegieriges Mädchen, das mit Freuden die Schule besuchte. Sie hoffte auf Frieden und Freiheit, doch die Realität brachte sie sehr schnell auf den Boden der Tatsachen zurück:

„Die Direktorin drohte damit, mich von der Schule zu verweisen, sollte ich weiterhin solche Aufsätze schreiben – sofern man mich bis dahin noch nicht ins Gefängnis geworfen hätte. So wurde ich das Opfer von Verboten: Schreibverbot, Redeverbot, Denkverbot.“ (S.8)

Der Umsturz in der Bevölkerung beginnt zunächst schleichend, hat aber sehr rasch Einfluss auf die Bildung der jungen Leute. Denn schon nach kurzer Zeit werden die Lehrpläne Khomeini-konform abgeändert oder gar ganz verboten.

„Unser Unterricht in bürgerlichen, monarchischen und weltlichen Dingen hatte sich den neuen religiösen Vorschriften zu beugen.“ (S.19)

Lehrerinnen müssen sich verschleiern und werden im Falle einer Weigerung einfach ganz aus dem Dienst ausgeschlossen und ersetzt.

„Einige unserer Lehrerinnen fühlten sich gestört, möglicherweise bedroht. Nach und nach änderte sich ihr Aussehen: Die Röcke wurden länger, das Make-Up dezenter, die Stimmen leiser.“ (S.18)

Die Autorin erlebt diese Zeit des Umsturzes mit ihren beiden besten Freundinnen und zusammen gehören sie einer kommunistischen Bewegung an, die im Verborgenen agiert. Dort diskutieren die jungen Studenten sehr kritisch über die Veränderungen in ihrem Land, denn sie stehen auf keinen Fall hinter dem totalitären Herrscher, der die Menschen in Angst und Schrecken versetzt.

„Unsere Intellektuellen saßen in den Gefängnissen des Schahs, weil sie freie Meinungsäußerung forderten. Und kaum sind die Geistlichen an der Macht, bedrohen, verhaften und ermorden sie uns, weil wir in ihren Augen Ungläubige sind. Wir sind alle Gläubige. Wir müssen glauben, um zu überleben. Ich glaube an die Menschlichkeit, an das Leben, die Natur, die Intelligenz, die Gerechtigkeit und die Freiheit. Ich glaube und ich bin gläubig, doch mein Glaube ist nicht religiös, nicht islamisch. Er ist menschlich.“ (S.25)

„Nicht die Religion, sondern die Unwissenheit ist heilig, und das schon immer“ (S.33)

„Wenn Glaube nicht Wissen ist und jeder Glaube per Definition die Ungewissheit in sich birgt, mit welchem Recht ist dann der eine Glaube heilig und der andere nicht? (S.34)

Die Studenten weigern sich, Khomeinis uneingeschränkte Macht zu akzeptieren, doch sie sind machtlos. Kritisch denkende Studenten werden vom islamistischen Komitee eingeschüchtert und bedroht. Sogar vor einem Angriff auf die Schule schrecken die Fanatiker nicht zurück, eine Machtdemonstration, die ihresgleichen sucht. Die Gesellschaft wird überwacht, vergiftet und destabilisiert.

Auch Chahdortt muss sich diesem Regime beugen und sie passt sich an. Dieses Buch betrachtet sie als Chance auf Heilung, als Möglichkeit eine tief verwurzelte Verletzung hinter sich zu lassen und einen Neuanfang zu wagen. Die Schilderung ihrer Eindrücke ist grausam und erschütternd, niemand sollte in so einer Welt aufwachsen oder leben müssen. Inhaltlich gesehen ist dieses Buch sehr wichtig und übermittelt eine ganz klare Botschaft gegen Hass, Gewalt und Unterdrückung. Dieses Buch ist ein Plädoyer für Meinungsfreiheit und Toleranz und bietet einen ersten Einstieg in dieses grausame Kapitel der Menschheitsgeschichte.

Dennoch konnte das Buch mich nicht vollends überzeugen. Der Schreibstil ist, bis auf einige Ausnahmen, sehr dürftig und wirkt nicht ganz ausgereift. Auch die vielen Sprünge in der Handlung haben mich manchmal verwirrt und ließen viele losen Enden zurück. Natürlich kann die Autorin nicht alles aufklären, da sie dieses Wissen schlicht nicht hat, doch sie klammert auch sehr viel bewusst aus. Meiner Meinung nach ist dieses Werk ein bisschen zu „dünn“ in Anbetracht der ungeheuren Komplexität des historischen Hintergrundes.

Meine Ausgabe wurde von Ullstein Buchverlage herausgegeben, leider ist dieser Artikel aber zur Zeit nicht mehr verfügbar.

Ich vergebe 3 Papierblumen.

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Christine

 

Dschihad Calling – intensiv und aufwühlend

Dschihad CallingDer 18-jährige Jakob greift ein, als ein Mädchen mit Gesichtsschleier von rechten Hools belästigt wird – und verliebt sich in die blauen Augen der Unbekannten. Auf einem Pressebild erkennt er sie später wieder: Samira ist Mitglied eines Salafisten-Vereins. Trotzdem versucht Jakob Kontakt aufzunehmen und gerät so an Samiras Bruder Adil, der mit den Gotteskriegern des Islamischen Staates sympathisiert. Für Jakob zunächst undenkbar, fühlt er sich doch angezogen vom Gedankengut und der Lebensgemeinschaft der Salafisten. Dagegen stößt ihn die Kälte und Konsumorientiertheit seiner eigenen Umgebung immer mehr ab. Jakob radikalisiert sich, bricht alle alten Kontakte ab und konvertiert. Aber will er wirklich mit Adil nach Syrien ziehen? (Quelle: dtv)

Christian Linker hat mit diesem Buch eine beeindruckende Darstellung der sich radikalisierenden Jugendlichen geschaffen. Dieses heikle und hochaktuelle Thema betrifft unsere ganze Gesellschaft und die Jugendlichen müssten viel stärker aufgeklärt werden, damit sie sich nicht so leicht manipulieren und radikalisieren lassen.

Denn bei Jakob deutete absolut nichts auf eine „Karriere“ als Salafist hin, bis er sich unsterblich in Samiras blaue Augen verliebt. Da sein Freiwilligenjahr in Afrika geplatzt ist, hat Jakob sich notgedrungen an der Uni eingeschrieben und studiert nun gemeinsam mit seiner Freundin in Bonn. Doch Jakob ist sehr unzufrieden, fühlt sich rastlos und unvollständig. Nach der ersten Begegnung mit Samira sucht er den Kontakt zu ihr und besucht so eine Kundgebung ihres Salafisten-Vereins.

So betritt er eine für ihn vollkommen neue Welt und ist zu Beginn erstaunt, dass seine Vorurteile den Gläubigen gegenüber derart falsch sind.

„Sie kamen mir in keiner Weise manipuliert, debil oder irre vor, was immer ich auch erwartet haben mochte.“ (S.45)

Langsam lässt Jakob sich auf den Islam ein. Vor allem die Telefongespräche mit Samira öffnen diese Tür und bringen ihn ins Grübeln. Als Jakob schließlich mit seiner Freundin bricht, hilft Adil, Samiras Bruder, ihm und lässt ihn bei sich wohnen. Adil ist streng gläubig und sympathisiert offen mit dem IS. Die beiden jungen Männer führen viele, ernste Gespräche über die Religion und Jakob wird immer radikaler. Dieser Prozess findet allerdings schleichend statt, denn während er zu Beginn noch über die vielen Regeln gelächelt hat, so fügt er sich denen schon nach sehr kurzer Zeit komplett.

Am erschreckendsten fand ich dabei die Naivität, mit der die Beiden über den IS und dessen Gräueltaten redeten. Die Bagatellisierung mit der Adil von den Grausamkeiten spricht, lassen einem die Haare zu Berge stehen und so wundert es mich auch nicht, dass er wirklich überzeugt ist, im Koran die Rechtfertigung für das Handeln des IS zu sehen. Er verdreht die Tatsachen derart, dass er am Ende überzeugt davon ist, das einzig Richtige zu tun.

„Viele neue Staaten begehen am Anfang gewisse – ich sag mal Jugendsünden. Das wächst sich aus.“ (S. 104)

Adil, als 16-Jähriger derart neben der Spur, dass er als Loverboy junge Mädchen manipulierte und auf den Strich schickte, kämpft nun mit seinem schlechten Gewissen und stürzt sich voller Eifer in die Radikalisierung. Die Schuld an seinem Handeln gibt er aber der Gesellschaft und den Frauen, die durch ihr unverschleiertes Auftreten ihre eigene Unterdrückung fördern würden.

Er ist überzeugt, „… dass so etwas in einem islamischen Land, inschallah, niemals geschehen könnte. Wo die Frauen sich verschleiern. Es ist absolut wichtig, dass sie das tun. Ich hätte das früher nie für möglich gehalten. Aber heute weiß ich, wie schnell sich eine Frau zur Schlampe machen lässt.“ (S.193)

Es machte mich sehr wütend, dass scheinbar niemand auf Adils Radikalisierung reagierte. Der Prediger seiner Gemeinde vermeidet es, sich klar gegen den IS zu stellen, da er anscheinend fürchtet Anhänger zu verlieren. Jeder weiß, dass bereits Adils Mitbewohner in Syrien starb, doch niemand unternimmt etwas, als Adil den gleichen Weg einzuschlagen droht. Wo bleibt der Aufschrei seiner Gemeinde? Warum gibt es dort niemanden, der dem Jungen den echten Islam aufzeigt, mit all seiner Güte und Menschenfreundlichkeit? In dieser Situation müsste doch irgendjemand sich für den Jungen verantwortlich fühlen und ihn wieder zur Vernunft bringen. Stattdessen hat man als Leser das Gefühl, dass Adils Verhalten toleriert wird, entweder aus stiller Zustimmung oder aus Scheu vor Konflikten. Mir wurde nicht klar, ob der Prediger Abu Tarek von Adils Plänen wusste. Da Adil dem Prediger eigentlich so ziemlich alles erzählt, würde es mich wundern, wenn Abu Tarek nicht auch über dessen geplante Ausreise informiert wäre. Warum lässt er dies geschehen? Adils Chef ist ja ohne Zweifel an der Organisation der Ausreise beteiligt und vermittelt fleißig die Kontakte zwischen den Ausreisewilligen und dem IS.

Nur Samira stellt sich offen gegen Adils Radikalisierung und sie versucht Jakob wieder auf den richtigen Weg zurückzubringen. Sie steht für das genaue Gegenteil Adils, sie ist offen, selbstbewusst und lebt ihre Religion im Einklang mit sich selbst und mit ihren Mitmenschen.

„Mit manchen Konvertiten ist es, als ob jemand neu in ein großes Haus einzieht, einen winzigen Teil der Hausordnung gelesen hat und jetzt alle Hausbewohner mit irgendwelchen Regeln tyrannisiert, die er aus dem Zusammenhang gerissen hat.“ (S.202)

Sie hat keine Angst vor dem Leben, wie sie es Jakob manchmal vorwirft, sondern setzt sich mutig und intelligent für die Frauenrechte im Islam ein und traut sich auch, Prediger Abu Tarek vor der ganzen Gemeinde in punkto IS zur Rede zu stellen. Nach dessen Reaktion wundert es mich nicht, dass Samira mit der Gemeinde bricht. Sie wird bei ihrem Kampf um Adil im Stich gelassen und von Abu Tarek wegen „Unzucht“ verspottet. Er will oder kann das Thema Radikalisierung weder ansprechen noch ernsthaft angehen.

Das gesamte Buch wird als Rückblick erzählt. Der Leser weiß also von Anfang an, dass Jakob in einem deutschen Untersuchungsgefängnis sitzt, da er im Verdacht steht für den IS kämpfen zu wollen. Dort liest er in dem Tagebuch, das er Adil schenkte als er nach Syrien aufbrach. Nach und nach erfährt man als Leser, wie es zu dieser Situation kam. Die Tagebucheinträge sind Berichte von der IS-Front und werden vom Autor sehr geschickt in die Handlung eingefädelt. Nach anfänglicher Euphorie macht sich auch bei Adil relativ schnell die Ernüchterung breit und er fühlt sich zusehends unwohl.

„… nach den Dingen, die ich in Raqqa erlebt habe, verstehe ich inzwischen, dass nicht alle Menschen ausschließlich glücklich sind unter dem Kalifat zu leben, um es mal vorsichtig auszudrücken. Und dass die normalen Menschen oft Angst vor uns haben.“ (S.268)

Als Belohnung für seinen mutigen Einsatz an der Front, erhält Adil eine Braut. Dies löst selbstverständlich ein Hochgefühl in ihm aus, doch spätestens als seine Frau (auch eine radikalisierte Deutsche) ihm erklärt, wie sehr sie sich freut, dass er den Märtyrertod sterben wird und sie so ins Paradies holt, ist er sehr schnell zurück auf dem Boden der Tatsachen. Sie treibt ihn sogar dazu, sich an weiblichen Gefangenen zu vergehen, was darin endet, dass Adil die Sklavin erschießt. Dies ist der absolute Tiefpunkt in Adils Leben und er ist sich dessen auch bewusst. Seinen Tod führt er sehr bewusst herbei und er hat mich mit seiner Tat überrascht.

Dieses Buch geht mir unter die Haut und ich kann die radikale Einstellung von Adil zu keinem Moment nachvollziehen. Es ist mir vollkommen schleierhaft, wie ein denkender Mensch sich von dieser Barbarei angezogen fühlen kann und dabei auch noch freiwillig mitmacht. Bei Adil kam die Einsicht zu spät, doch vielleicht kann dieses Buch dazu beitragen, andere Jugendliche wachzurütteln und sie aus den Fängen der Radikalität, welcher Art auch immer, zu befreien.

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Christine

Gehen, ging, gegangen von Jenny Erpenbeck

gehen, ging, gegangenIn ihrem Roman „Gehen, ging, gegangen“ gelingt es Jenny Erpenbeck in einer klaren und sehr präzisen Art und Weise auf ein brandheißes Phänomen unserer Zeit hinzuweisen: die steigende Zahl Asylsuchender. Die Medien befassen sich fast rund um die Uhr mit dem Thema FlüchtlingsKRISE und schon allein dieser Begriff macht mich immer wieder wütend.
Genauso geht es auch Richard, dem Hauptprotagonisten des Buches. Er ist emeritierter Universitätsprofessor, Witwer und kann auch in seinem wohlverdienten Ruhestand nicht abschalten. Immer wieder kreisen seine Gedanken um alle möglichen Dinge, bis er plötzlich auf das Schicksal junger, afrikanischer Flüchtlinge aufmerksam wird. Richard beschließt, die jungen Männer zu treffen und arbeitet sogleich einen Fragenkatalog aus: Wo kommen sie her? Haben sie Familie? Wie sah ihr Alltag vor der Flucht aus?  Er ist fest entschlossen, diese Menschen und ihre Hintergründe besser kennenzulernen um sich in ihre Situation hineinversetzen zu können. Schon nach kurzer Zeit entsteht eine zerbrechliche Freundschaft zwischen dem sensiblen Professor und den Flüchtlingen, die sich in Deutschland total verloren fühlen. Die Bande dieser Freundschaft wird immer stärker und die Schicksale der verschiedenen Männer werden sehr anschaulich beschrieben. Richard versucht die Situation zu verstehen und hilft wo er kann. Er klopft nicht nur hohle Sprüche, sondern greift den Menschen unter die Arme, versucht ihnen eine Perspektive aufzuzeigen und verschenkt auch ganz nützliche, materielle Dinge. Richard sieht die Menschen hinter den Flüchtlingen und nicht nur das Etikett, das ihnen hier verpasst wurde.

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